Kategorie-Archiv: Geschichte

Denkmalplakette

Das steht unter Denkmalschutz!

Großfahner ist, wenngleich sehr alt, nicht besonders reich an eingetragenen, denkmalgeschützten Gebäuden und Objekten. Das ist einerseits dem Umstand anzulasten, dass bauhistorisch wertvolle Gebäude früher bedeutend einfacher abgerissen werden konnten und andererseits der Schutzgedanke sehr spät aufkam und damals noch nicht so ausgeprägt war wie heute. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten in der DDR ließen den Erhalt historischer Bausubstanz nur bedingt zu, es gab oft kein passendes Material oder das Geld für den Erhalt war schlichtweg nicht da.

Oft schon wurden wir gefragt, welche Gebäude denn nun bei uns, hier im Dorf unter Denkmalschutz stünden. Die Liste, die uns vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie übermittelt wurde, ist leider kurz, doch wir möchten sie hier mit einigen Informationen und Fotos zu den Objekten wiedergeben.

Evangelische Kirche „Sankt Peter & Paul“ mit künstlerischer Ausstattung

Kirche „Sankt Peter & Paul“ zu Großfahner

Die Kirche „Sankt Peter & Paul“ entstand in ihrer heutigen Grundform in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus den Ruinen der im Jahr 1646 abgebrannten Kirche. Dabei wurde das nördliche Seitenschiff in den Neubau integriert, das südliche jedoch vollständig abgetragen, sodass das Kirchenschiff heute etwas unsymmetrisch wirkt. Der aus Travertin, Muschelkalk und Sandstein errichtete Turm im Stil der Neugotik wurde in den Jahren 1873/74 erbaut, nachdem der barocke Turm mit Zwiebelhaube baufällig geworden war und abgetragen wurde. Der Glockenstuhl mit einem heute unvollständigen Dreigeläut wurde aus dem Altbau übernommen und in den neuen Turm überführt. Aus der neuen Zeit sind mehrere Turmknopferneuerungen, so 1913, 1953 und 1968 überliefert. Die letzte mit Erneuerung der Wetterfahne liegt also inzwischen auch schon wieder nahezu 50 Jahre zurück. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts fand eine umfassende Sanierung der bis dahin baufälligen Kirche statt. Es wurden archäologische Untersuchungen durchgeführt, die eine dreischiffige Basilika mit halbkreisförmiger Apsis als Vorgängerbau der im 30jährigen Krieg zerstörten Kirche vermuten lassen. Die Innenausstattung aus dem 19. Jahrhundert wurde fast vollständig entfernt und unter der Pfostenverkleidung der Empore kamen Eichenbalken im Zopfstil zum Vorschein, die heute wieder zu sehen sind. Leider ist die alte Orgel, die unter anderem schon unter einer Kriegsmetallspende im 1. Weltkrieg zu leiden hatte, aufgrund irreparabler Schäden nicht mehr zu retten gewesen. Die filigrane Kanzel existiert noch, ist aber restaurierungsbedürftig und wurde deshalb eingelagert. Der Turm beherbergt außerdem die stillgelegte mechanische Turmuhr mit der Nummer 417 aus dem Jahr 1919, gefertigt in der T(h)urmuhrfabrik und Mechanischen Werkstatt Wilhelm Kühn aus Gräfenroda in Thüringen, über die kürzlich eine sehr interessante Buchpublikation erschienen ist. Ein kleines technisches Denkmal.

Pfarrhof Gartenstraße 11

Pfarrhaus Großfahner in der Gartenstraße 11

Pfarrhaus Großfahner mit Nebengebäude  in der Gartenstraße 11.

Der Pfarrhof ist ein Fachwerkbau aus dem 18. Jahrundert und wurde in vergangenen Zeiten mehrfach saniert. Das Besondere an dem Ensemble ist ein erhaltener Laubengang am Wirtschaftsgebäude des Pfarrhofes sowie das Pfarrhaus mit Walmdach ansich. An einem Türsturz zur Pfarrgasse ist die Jahreszahl 1597 eingeschlagen. Das Baumaterial könnte in späterer Zeit wiederverwendet worden sein, wobei der Ursprung des Sturzes nicht mehr zu rekonstruieren ist. Das Haus beherbergt heute eine Mietwohnung sowie das Evangelische Pfarramt Großfahner, das von Pfarrer Sebastian Zweynert bekleidet wird.

Wohnhaus in der Freiheitsstraße 35/36

Wohnhaus Freiheitsstraße 36

Wohnhaus Freiheitsstraße 36

Das Fachwerkhaus Freiheitsstraße 35/36 gehörte vor der Bodenreform zum Rittergut Großfahner und beherbergte in der Erntesaison die polnischen Erntehelfer. Im Winter war es zeitweise nicht bewohnt. Mit der Enteignung des Rittergutsbesitzes kam es in private Hand und Wohnhaus und Grundstück wurden geteilt, weshalb es auch zwei Hausnummern aufweist. Die dominante Scheune auf dem Grundstück wurde erst nach dem 2. Weltkrieg teilweise aus Abbruchmaterial der beiden Schlösser errichtet.

Wohnhaus in der Langen Gasse 69

Wohnhaus Lange Gasse 69

Wohnhaus Lange Gasse 69

Das Fachwerkhaus der Familie Lütz mit angeschlossener Torfahrt befindet sich in fast originalem aber leider leidlichen Zustand, da das Haus aufgrund der geringen Deckenhöhe im Obergeschoss keine moderne Nutzung als Wohnhaus zulässt, aus diesem Grund nicht bewohnt ist und erst restauriert werden müsste. In heutiger Zeit kein leichtes Unterfangen und ohne Fördermittel finanziell nicht zu stemmen. So verfällt es leider mehr und mehr. Deutlichstes Fachwerkelement des Hauses ist die sogenannte „Thüringer Leiter“ zur Straßenseite; senkrecht stehende kurze Ständer zwischen Schwelle und Brustriegel unter den Fenstern, die vor allem ein Stilelement des Zeit des Barock (1650-1750) war, aber auch in späteren Stilepochen übernommen wurde.

Wohnhaus in der Langen Gasse 89

Das Wohnhaus von Familie Weis, Lange Gasse 89

Das Wohnhaus von Familie Weiß, Lange Gasse 89.

Das Wohnhaus von Familie Weiß ist eines der schönsten und ältesten Gebäude im Dorf und hat sich seinen historischen Charakter über viele Jahrzehnte unverändert bewahrt, was vor allem am bewussten Widerwillen der Besitzer liegt, sich den modernen, baulichen Gepflogenheiten anzupassen. Das Kernhaus mit dem Giebel zur Straßenseite diente vor der Reformation als Pfarrhaus und beherbergte viele Generationen katholischer Geistlicher. Nicht zuletzt, weil auf dem „Höch“ (Hög) einst eine Kapelle stand, die dem heiligen Bonifatius geweiht war. Die Wegbezeichnung „Pfaffenstieg“ für den Stichweg entlang des Hauses auf den „Höch“ kündet noch heute davon. In den Jahren 1905 und 1913 wurden weitere Gebäudeteile hinzugefügt und es entstand der heutige Vierseit-Hof. Das gesamte Ensemble, betritt man es durch das große zweiflügelige Hoftor, wirkt wie eine Zeitmaschine und versetzt den Besucher um 100 Jahre in der Zeit zurück.

Denkmal-Ensemble historische Dorfmauer

An der Dorfwand

An der Dorfwand im Bereich des alten Schlossgartens, heute Grundschule Großfahner.

Die historische Dorfmauer ist das wohl größte Denkmal im Ort und über mehrere erhaltene Abschnitte, mittlerweile im Dorf, verteilt. Am bekanntesten ist wohl der Abschnitt, der direkt die Bezeichnung „An der Dorfwand“ trägt und den Schulgarten der Grundschule einfriedet. Vor der Bodenreform befand sich hier der Schlossgarten der Familie von Seebach. Ein weiterer Abschnitt findet sich „Im Wieschen“ und zieht sich bis auf den Höch und in die Lange Gasse hinein. Teile dieser Mauer sind jedoch nach einem großen Einsturz in den 90er Jahren rekonstruiert und schon früher aufgrund einer notwendig gewordenen Verlagerung aus Ziegelsteinen und grauem Rauhputz neu errichtet worden. Die historische Bauweise aus Muschelkalksteinen und Lehm ist sehr eindrucksvoll am Abschnitt Lange Gasse 86 zu beobachten. Die Wand bzw. ihre Reste ziehen sich durch die Gärten und enden im Kindergarten in einer wunderschönen Freitreppe aus Travertin und Sandstein. Damit umfriedet sie die ehemalige Terrassengärtnerei des Rittergutes, auch Obergarten genannt. Die Freitreppe, die noch in den 50er Jahren einen Teepavillon trug und einen Brunnen beherbergte, ist leider seit langem baufällig und zur Sicherheit der Kinder umzäunt. Da das gemeindliche Pachtland des Obergartens kürzlich teilweise in Privathand überging, ist zu hoffen, dass die neuen Besitzer sich des kulturellen Erbes der Dorfmauer bewusst sind und diese in die Gestaltung ihres Anwesens integrieren und somit erhalten. Das ist teilweise schon durch eine neue Ziegeldeckung und Aufmauerungen bzw. Sicherungen gelungen.

Freitreppe im Kindergarten Großfahner

Die Freitreppe im Kindergarten Großfahner, ehemalige Gutsgärtnerei „Tews“ im Obergarten.

Dorfmauer aus Muschelkalk in der Lange Gasse.

Dorfmauer aus Muschelkalk in der Lange Gasse.

Nicht unter Denkmalschutz stehend, doch ebenfalls interessant sind:

Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege

Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges von 1922

Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges von 1922

Im Jahr 1922 in Erinnerung an die 31 Gefallenen des 1. Weltkriegs aus Großfahner errichtet, blieb das Denkmal bis zum Jahr 1945 in seinem ursprünglichen Zustand. Da in Großfahner aber einiges 110prozentig gemacht werden musste, fiel es nach dem 2. Weltkrieg einer sinnlosen Entmilitarisierungsaktion zum Opfer und der stilisierte Soldatenkopf mit Stahlhelm wurde abgeschlagen. Sein Verbleib ist unbekannt. Da die Muschelkalktafeln mit den Namensgravuren in den darauffolgenden Jahrzehnten immer mehr verwitterten und unleserlich wurden, entschloss sich die Gemeinde im Jahr 2005 zur Erstellung neuer Tafeln aus Metall und zur Ergänzung der Namen der Gefallenen des 2. Weltkriegs. Das Denkmal wurde zuvor von Steinmetz Streithoff saniert und schließlich am Volkstrauertag des Jahres 2005 erneut eingeweiht.

Grabmale in der Kirche und auf dem Friedhof Großfahner

An der Nordseite des Kirchturmes und im Inneren der Kirche sind einige Grabmale der Herren von Seebach aufgestellt, unter anderem das der Eheleute Rittmeister Werner von Seebach (1873-1956) und seiner Frau Elisabeth, geb. von Broizem (1878-1953), der Eltern des letzten Besitzers des Rittergutes Großfahner, Alexander Freiherr von Seebach. Der Grabstein stand ursprünglich auf dem Hauptfriedhof in Erfurt, wo die Eheleute bestattet wurden. Nach dem Ablauf der Liegezeit wurde er nach Großfahner geholt und erinnert heute an die Familie und ihre Vertreibung aus dem Ort Ende der 40er Jahre. Auch die Grabplatten der vermutlich ersten Herren von Seebach sind im nördlichen Seitenschiff der Kirche zu sehen. Sie wurden bei den Ausgrabungen in der Kirche in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts gefunden und gesichert.

Grabplatten an der Nordseite des Kirchturmes

Grabplatten an der Nordseite des Kirchturmes. Sie zeugen u.a. vom Tod dreier Kinder der Familie von Seebach.

Auf dem Friedhof selbst finden sich verstreut weitere alte Grabmale, unter anderem des vielseitig aktiven Pfarrers Artur Meng und seiner Frau, der Familie Kantor Albin Blamberg und der Familie von Seebach auf Großfahner Schieferschloss, ein Zweig der Familie, der mit der Heirat von Gabriele von Seebach in das Haus von Rappard und später von Minnigerode überging.

Wer die Augen offen hält, kann darüber hinaus auch ein „Denkmal“ entdecken, dass ein wenig der Zeit entrückt zu sein scheint – es ist jenes der Pioniere am alten Landwarenhaus. Die jungen Pioniere haben insgesamt schon etwas gelitten; dem Trommler fehlen die Stöcke, dem Trompeter die Trompete und dem Fahnenträger die Fahne. Wenn man so will, steht es sinnbildlich für eine Zeit, über die heute keiner mehr etwas wissen will. Wir sind jedoch froh, dass es noch da ist und dem Zeitgeist geduldig trotzt. Es ist eben auch ein Stück Geschichte.

In den letzten Jahren wurde einige sehr sehenswerte Fachwerkhäuser im alten Stil saniert und / oder neu errrichtet. Dass dem so ist, verdanken wir vor allem Lehmbaumeister Tilo Schneider aus Kleinfahner, der mit seiner Firma das historische Flair der Dörfer am Fuße der Fahnerschen Höhen ein Stück weit bewahrt.


Dank geht an Frau Sabine Ortmann vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Erfurt für die Erstellung der Liste der Denkmale Großfahners sowie an Andreas Fleischmann für die Erläuterungen zur Geschichte der Dorfmauer. Herrn Gunter Weiss sei für die Auskünfte zur Geschichte seines Hofes gedankt. Frau Anni Starke versorgte uns mit Zeitzeugen-Informationen zum Gebäude Freiheitsstraße 35/36. Herrn Johann-Wilhelm von Seebach danken wir für seine Erläuterungen zur jüngeren Geschichte der Familie von Seebach.

Der Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Achtung_Rodelbahn

„Bahn frei!“

„Guck mal, was ich gefunden habe, gerade eben beim Aufräumen drüben!“ Da staunt einer nicht schlecht und fühlt sich beim Anblick des verstaubten, handgemalten Schildes augenblicklich in fröhliche Kinder- und Jugendtage zurückversetzt, wenn es auf dem Höch schallte: „Bahn frei!“ und die Rodelschlitten in Scharen den Berg hinuntersausten. Zweier-, Dreier-, ja sogar 10er-Bobs gab es, die es dann aber doch nicht um die Kurve schafften und meist umkippten. Was für ein Gejohle und ein Spaß. Gickelhahn, Kaperfahrten, Sprungschanze und Bande bauen, Hindernisse umfahren, Bahn ausbessern (manchmal über Nacht auch vereisen) und rodeln, rodeln, rodeln bis spät in die Dunkelheit hinein. Dann saßen die erschöpften Schlittenfahrer nur noch da und erzählten und irgendwann zog auch der letzte seinen Schlitten todmüde aber glücklich nach Hause. Bis zum Morgen…

Die „Achtung Rodelbahn“-Schilder wurden an der Kreuzung Lange Gasse – Freiheitsstraße, für die Eingeweihten bei „Seh’se“, befestigt, um Autofahrer vor den Schlittenfahrern zu warnen, die Geschwindigkeit anpassen zu lassen und bei der Fahrt auf den Höch laut und lange zu hupen. Dann sprangen alle auf und machten ihrerseits die Bahn frei. Blieb das Auto auf den letzten Metern stecken, was oft vorkam, schoben die Rodler kräftig an, um ja schnell wieder selbst fahren zu können – bei guten Bedingungen und ausreichend Schwung manchmal bis zum Feuerwehr-Gerätehaus.

Leider – alles – Geschichte, denn die globale Erwärmung ist auch in unseren Breiten immer deutlicher zu spüren. Die Schneetage wurden und werden von Jahr zu Jahr weniger und wenn mal welcher gefallen ist, liegt er meist nur für wenige Tage. Zu wenig und zu kurz für eine fröhliche Schlittenpartie auf dem Höch. Doch nicht nur der Klimawandel bedeutet, neben dem Split, das Aus für die Rodelbahn. Auch die Moderne leistet ihren Beitrag dazu und die vielfältigen Zerstreuungsmöglichkeiten, man denke da nur an Fernsehen, Handy und Internet, lassen die Menschen dem realen Leben 1.0 zunehmend fernbleiben. Schade eigentlich, denn ein ‚echtes‘ Erlebnis ist mit nichts zu ersetzen. Aber vielleicht liegt ja dieses Jahr doch ein bisschen Schnee zum Après-Ski (das gibt es noch nicht so lange) auf dem Höch!

Das im Schutt wiedergefundene Schild erinnert an manche Geschichte und fand jüngst den Weg in unsere Sammlung. Die schönen Archivfotos in Schwarz-Weiß, die bei den Schlittenpartien und Schneeballschlachten entstanden sind, wollen wir Ihnen natürlich auch nicht vorenthalten. Viel Spaß beim Betrachten und Erinnern wünscht

Ihr Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Fotos: Angelika Gänßler und Isolde Münzel.

Wieder einer!

Paul Schröder

Paul Schröder

Der Zufall spielt manchmal eine merkwürdige Rolle. Zwei unterhalten sich über ein Thema und plötzlich fallen Puzzleteile an ihren richtigen Platz. So auch im Jahr 2014, als unsere Ausstellung zum 1. Weltkrieg über die Geschehnisse vor 100 Jahren informierte und viele Besucher nach Großfahner kamen, um sich das Theaterstück „Schatten & Licht – Die Geschichte von zwei jungen Soldaten aus Großfahner im 1. Weltkrieg“ anzusehen. Unter Ihnen war auch Ruth Koppe aus Dachwig und wir kamen ins Gespräch über Ihren Onkel, den im 2. Weltkrieg in Russland vermissten Heeresangehörigen Paul Schröder. Wie es der Zufall wollte, besitzt eine Cousine von Ruth Koppe aus Bad Kissingen auch noch ein vergilbtes Foto ihres seit 1943 vermissten Vaters. Dieses wird nun mit den anderen Fotos der Kriegstoten und Vermissten des 2. Weltkriegs aus Großfahner in der Erinnerungstafel vereint. Vielen Dank für das Foto!

Gruss_aus_Neunzehnhundert

Gruß aus Neunzehnhundert

Dieses Mal war die Heimreise der abgebildeten Ansichtskarte aus Großfahner nicht ganz so weit wie die aus Buenos Aires in Argentinien – sie kam aus Eisenberg. Das Besondere an der Karte ist einerseits die schöne Lithographie und andererseits die Absenderin, die, ganz am linken Rande, als Freifrau Gabriele von Seebach zu erkennen ist. Sie schreibt an die Gräfin Reuttner von Weyl in Achstetten. Gabriele Freifrau von Seebach wurde am 13. Januar 1855 geboren und war mit Friedrich-Tilo von Seebach verheiratet. Sie gehörte der Linie Großfahner Schieferschloss an, welcher kein männlicher Stammhalter beschieden war. So kam das Schieferschloss Großfahner durch die Heirat der einzigen Tochter Brigitte (1889-1947) zunächst an die Familie von Rappardt und später an die Familie von Minigerode. Aus diesem Grund stand das Schieferschloss seit den 20er Jahren des 20. jahrunderts leer oder war vermietet. Die Nachfahren der Linie Großfahner Schieferschloss leben heute unter anderem in der Hansestadt Bremen.

Gabriele von Seebach († 1926) und ihr Mann Friedrich-Tilo, genannt Fritz von Seebach (1852-1934), liegen auf dem Friedhof der Gemeinde in einem Familiengrab an der östlichen Friedhofsmauer begraben. Das eindrucksvolle Grabmal ist im Gegensatz zu den anderen Familiengräbern erhalten geblieben und unten abgebildet. Auch sind hier die Eltern von Friedrich-Tilo, Eduard von Seebach (1806-1869) und Ida von Seebach, geb. Wagner (1818-1889) bestattet. An die Familie von Seebach, die von 1412 bis 1945, also über 500 Jahre in Groß- und Kleinfahner ansässig war, erinnert heute ein Gedenkstein mit einer Bronzetafel auf dem Friedhof von Großfahner.

Das Familiengrab der Linie von Seebach Großfahner Schieferschloss auf dem Friedhof von Großfahner.

Das Familiengrab der Linie von Seebach Großfahner Schieferschloss auf dem Friedhof von Großfahner.

Gedenkstein für die Familie von Seebach auf Groß- und Kleinfahner, 1412-1945, auf dem Friedhof von Großfahner.

Gedenkstein für die Familie von Seebach auf Groß- und Kleinfahner, 1412-1945, auf dem Friedhof von Großfahner.

Salla Blick vomFriedhof

Großfahner am Polarkreis

Zugegeben, die Überschrift dieses Beitrags irritiert etwas, doch das soll sie auch. Was sich dahinter verbirgt, ist eine traurige Geschichte, die, wie sollte es anders sein, mit dem 2. Weltkrieg im Zusammenhang steht. Als das Deutsche Reich unter Adolf Hitler zwischen 1941 und 1945 gegen die Sowjetunion kämpfte, gab es in Finnland zeitweise ebenfalls eine Frontlinie, an der deutsche Wehrmachtssoldaten gemeinsam mit den Finnen gegen Russland kämpften. Diese Frontlinie zog sich über Karelien im Süden und Salla am Polarkreis bis in den hohen Norden.

Doch was hat das alles mit Großfahner zu tun? Es waren auch Fahnersche, die im finnischen Urwald kämpften. Nach den überlieferten Aufzeichnungen, Briefen und Fotos waren Paul Ernst, Hans Abel, Ado Starke und Willy Lehmann im Kampf gegen die Sowjetunion im Norden Finnlands eingesetzt. Paul Ernst fiel am 24. August 1941 bei Salla und liegt seit 1942 auf dem dortigen Sammelfriedhof im russisch-finnischen Grenzgebiet begraben, Feld 378/2, Reihe 6, Grab-Nummer 113, wie die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht auf Anfrage mitteilte. Zugang zum Friedhof nur mit Sondererlaubnis – EU-Außengrenze! Bis vor einigen Jahren noch war der Grenzposten eine Holzhütte mit Schlagbaum. Heute steht dort ein modernes und beeindruckendes Gebäude mit unzähligen Kameras, auf die man selbst im dichten Urwald trifft.

Paul Ernst Februar 1941Paul Ernst (18.09.1919–24.08.1941)

Still ist es auf dem Friedhof, denn Besucher sind hier selten. Meist sind es Rentiere oder neugierige Elche und nur hin und wieder ein paar Menschen. Pauls Name und die seiner vielen Kameraden sind auf Granittafeln graviert und erinnern an die Ereignisse vor nunmehr über 70 Jahren hier oben im finnischen Urwald. Unteroffizier Willy Lehmann schrieb damals einen traurigen Brief an Pauls Mutter, von der er den Auftrag erhielt, sich nach dem Grab ihres Sohnes und seinen Todesumständen zu erkundigen. Wer ihn in den Händen hält, sieht die getrockneten Tränen. Ein schneller Tod durch Kopfschuss aus dem Hinterhalt sei es gewesen und Paul sofort tot. Er hatte nicht mehr leiden müssen wie viele andere. Ob es stimmt, wir wissen es nicht.

Paul war ein junger und lebensfroher Mensch, der sein Leben noch vor sich und Träume hatte. Seine Verlobte Elfriede Schäfer schickte ihm immer Päckchen und Briefe an die Front, meist mit den heißersehnten Zigaretten oder auch mal einer Knackwurst und Kuchen von zu Hause. Der Briefwechsel zwischen seiner Familie und ihm ist erhalten geblieben und wird heute von seiner Schwester Irmgard verwahrt. Es sind dünne Papierseiten, dicht mit Bleistift beschrieben und manchmal schwer zu entziffern. Einige Zeichnungen liegen auch bei. Sie lassen ein Talent erkennen und seine Träume – von Abenteuern im Wilden Westen, Deutschlands Freiheit und Größe, von Daheim, seinem Pferd, den Stationen seiner Reise an die Front – und vom Krieg.

Den beschreibt er in seinen Briefen aber kaum. Zum Ausdruck kommen vor allem die alltäglichen Sorgen, die ständigen Gedanken an die Lieben zu Hause und die hoffentlich baldige und gesunde Heimkehr. Die sollte ihm, wie Millionen anderen Soldaten in diesem Krieg, verwehrt bleiben. Vergessen aber ist Paul Ernst nicht. Er lebt weiter in der Erinnerung seiner Familie und im Gedächtnis der Gemeinde.


Es ist dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu verdanken, dass auch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs die Gräber der Toten gepflegt und die vielen Friedhöfe in Europa und anderswo als Mahnmale gegen den Krieg erhalten werden. Darüber hinaus leistet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. eine umfangreiche und sehr wertvolle Jugendarbeit, die Jugendliche aus vielen Ländern Europas und Russland zusammenbringt, damit diese sich kennen- und von und miteinander, unter anderem auf den besagten Kriegsgräberstätten lernen können. Ein Jugendlager des VDK in Salla / Finnland ermöglichte es dem Autor vor vielen Jahren, die Geschichte von Paul Ernst zu erforschen, den Norden Finnlands zu bereisen und auf verschiedenen Soldatenfriedhöfen in Rovaniemi und Helsinki zu arbeiten – ein Erlebnis, dass man nie vergisst. Danke Jens, Maike, Britta und Hans!

Thomas Daniel

Hier geht’s zur Jugendarbeit des Volksbundes:

www.volksbund.de/jugend-bildung/jugend-und-bildung

Werbekarte_Trachten

Trachten? Das ist doch von gestern!

Können Sie sich noch erinnern, dass Ihre Groß- oder Urgroßeltern zu Feierlichkeiten eine traditionelle Tracht trugen oder haben Sie schon mal eine alte Tracht aus Groß­fahner im Schrank oder in einer Truhe gefunden? Nein? Nun, wir auch nicht und wir wis­sen so gut wie nichts darüber, wie sich die Menschen vor einhundert und mehr Jah­ren im Alltag und zu traditionellen Festen am Fuße der Fahnerschen Höhen klei­deten. Doch uns hat das „Trachten-Virus“ infiziert und wir können nicht anders als er­fahren zu wollen, wie die Tracht der Kirschendörfer früher aussah. Nun könnten Sie sa­gen: „Trachten? Das ist doch von gestern!“ und sicherlich mögen viele unserer Le­se­rinnen und Leser so argumentieren, wenn wir Ihnen mitteilen, dass wir uns als Ver­ein in die­sem Jahr der Erforschung der Tracht in den Fahner Kirschendörfern ver­schrie­ben ha­ben. Antrieb zu diesem volkskundlichen For­schungs­vor­haben erhielten wir unter an­derem durch unseren sehr gut besuchten Kreativ-Markt im vergangenen Sep­tem­ber und die ganz frische Mitgliedschaft im Thüringer Landes­trach­tenverband e.V., dem Dachverband der Thüringer Trachten- und Heimatvereine, dem derzeit mehr als 4500 Mitglieder in ganz Thüringen angehören. Nun sind auch wir dabei und freuen uns sehr, mit der Unterstützung des Verbandes und der an­ge­schlos­senen Vereine die alte Tradition der Tracht in den Fahner-Dörfern wieder zu be­leben, um einen weiteren weißen Fleck auf der bunten Trachtenkarte Thü­rin­gens ein­zufärben. Ob uns dies gelingt, wissen wir noch nicht, doch auf den Ver­such kom­mt es an und der Wille dazu ist da. Nun sind die gut einhundert Jahre, die zwischen der traditionellen Trachtenkleidung und unserer Zeit liegen, nicht ohne Wei­te­res zu über­brücken und es fehlt vor allem an originalen Kleidungstücken. Von alten Foto­gra­fien wie dem obigen Werbemotiv für „Thüringer Kirschen“ aus dem Jahr 1909 wis­sen wir jedoch, dass auch die Kirschendörfer eine Tracht besaßen, die zu Feier­lich­kei­ten und teilweise im Alltag getragen wurde. Wir fangen also klein an und möchten aus die­sem Grund einen Aufruf an unsere Leserinnen und Leser richten: Wir brau­chen Ihre geschätzte Hilfe! Wenn Sie sich für das Thema Tracht und Be­klei­dung be­gei­stern können und uns in unserer selbstgewählten Aufgabe unterstützen möchten, freu­en wir uns über Ihren Beitrag. Wir suchen alte Fotos mit Trachten­mo­tiven aus der Re­gion, originale Kleidungs­stücke, Trachten­schürzen, Blusen, Hosen und als wich­tig­stes Element die Trachten­haube, die damals sehr auffällig gestaltet ge­we­sen zu sein scheint. Wir möchten die Stücke sowohl foto­grafisch als auch zeich­ne­risch do­ku­mentieren und nachbauen lassen, damit wir ein bis zwei Trachtenpaare aus­statten und zu Festen in der Region und darüber hinaus, vielleicht sogar schon zur Eu­ro­pe­a­de im Juli 2016 in Namur (Belgien), entsenden können. Selbstverständlich möch­ten wir auch die Ge­schichte der Tracht in unseren Orten erforschen und do­ku­mentieren. Wir sind überzeugt, dass unsere Aufgabe einen wichtigen Bei­trag zur kulturellen Identität unserer schönen Gegend darstellt. Gerade vor dem Hin­ter­grund der industriellen Verein­heit­li­chung und der wachsenden Globalisierung gilt es heute mehr denn je, die traditionellen Elemente der Re­g­ion zu bewahren und das Be­wusstsein dafür zu stärken. Altbacken oder von gestern ist das also keineswegs, son­dern es ist höchste Zeit dafür. Sind Sie dabei?

Für weitere Informationen steht Ihnen Familie Bülow unter der Telefonnummer 036 206 203 99 oder unsere Email-Adresse: heimat-grossfahner@web.de zur Ver­fü­gung. Unsere For­schungs­er­geb­nisse werden wir von Zeit zu Zeit hier und im Fahner Höhe Kurier veröffentlichen. Zögern Sie nicht und schreiben Sie uns und oder rufen Sie an. Wir freuen uns über jede Hilfe! Sie leisten damit einen wich­tigen Bei­trag zur Geschichtsforschung, der viele Menschen begeistern wird. Ihre Leih­ga­ben erhalten Sie selbstverständlich unbeschadet zurück.

Ihr Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Jubiläum_Saenger_Chor_2015

150 Jahre Sänger-Chor zu Großfahner 1865 und 90 Jahre Glockenweihe 1925

Eine Nachlese zur Jubiläumsfeier am 1. November 2015 in der Kirche Großfahner

Als die Kirche „Sankt Peter & Paul“ in Großfahner am 1. November 2015 ihre Pforten für die Besucher öffnete, stand ein ganz besonderes Jubiläum ins Haus, besser gesagt sogar ZWEI. Die Gemeinde Großfahner feierte an diesem Tag das 150. Grün­dungs­jubiläum des Sänger-Chores zu Großfahner 1865 und 90 Jahre Glocken­weihe 1925. Mit beiden Jubiläen lagen Freud und Leid der Gemeinde eng bei­ein­ander, denn die Ursache für die Glockenweihe am 1. November 1925 war eine sehr trau­rige. Sie liegt im 1. Weltkrieg begründet. Am 22. Juni 1917, die Material­schlachten im Westen waren in vollem Gang und verschlangen Mensch und Gut, erklangen unsere drei Glocken das letzte Mal zusam­men. Zwei aus dem Dreiklang wurden anschließend abgenommen und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Doch nicht nur den Glocken erging es so; auch Teile der Orgel und metallene Gegen­stände aus dem Pfarrhaus wurden abgeliefert und zur Herstellung von Waffen ver­wen­det. Der Abtransport ging damals so schnell, dass der damalige Pfarrer Meng nicht ein­mal mehr einen Abschiedsgottesdienst hatte halten können. Acht lange Jahre mussten vergehen, bis die Gemeinde zwei neue Glocken aus der Gießerei Störmer in Erfurt erhielt, die am 29. Oktober 1925 von den Einwohnern und allen Ver­einen feierlich eingeholt und auf den Turm gezogen wurden; die kleinere Heimat­glocke mit einem Gewicht von 217 kg, einem umlaufenden Kirschzweigornament, einem Garben­bün­del und dem Psalmwort „Ich will den Herrn loben alle Zeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein“ und die größere Gedächtnisglocke für die Gefallenen des 1. Weltkrieges aus unserer Gemeinde mit einem Gewicht von 498 kg und einem Gedicht von Georg Merkel:

„Herr Gott, nun segne dem deutschen Land

Seinen gefallenen Heldenstand!

Gib allen freudigen Opfergeist,

der auch im Frieden sich stark erweist.“

Diese Glocken läuten noch heute zu Gottesdiensten und Festen in Freud und Leid. Ein Dreiklang ist es dennoch nicht mehr, denn es sollte ein noch viel verheerenderer Krieg folgen, dem die Glocken wiederum zum Opfer fielen. Diesmal traf es jedoch die große Glocke von 1815 und die Ge­fallenen­glocke von 1925, kaum dass sie 17 Jahre alt war. Nur durch einen glücklichen Umstand blieb die Gefallenenglocke vor dem Einschmelzen verschont und kehrte nach dem 2. Weltkrieg mit einigen Blessuren nach Großfahner zurück, um wieder mit ihrer kleinen Schwester vereint zu werden. Der Platz der großen Glocke indes ist bis heute leer.

Doch versammelte sich die Gemeinde an diesem 1. November 2015 auch in der Kirche, um einem freudigen Ereignis zu gedenken: 150 Jahre Sänger-Chor zu Groß­fahner 1865. Wir wüssten nicht besonders viel über diesen über Jahrzehnte in Großfahner aktiv gewesenen Chor, wenn es die wenigen Protokollbücher und die originale Fahne nicht mehr gäbe. Diese wurden dem Verein für Heimatgeschichte im Jahr 2005 aus privater Hand geschenkt. Lange Zeit fristete vor allem die Fahne ein Schattendasein, da es den Chor schon viele Jahrzehnte nicht mehr gibt. Dass sie heute in neuem Glanz erstrahlt, ist der kompetenten Restauratorin Stefanie Masnick aus Weimar zu verdanken. Sie konservierte die Fahne im Winter 2010/11 akribisch, um sie für zukünftige Generationen zu erhalten. Finanziell unterstützt wurde die aufwändige Maßnahme von der Regionalstiftung der Kreissparkasse Gotha, ohne die wir die Fahne nicht hätten retten können.

Sänger-Chor zu Großfahner 1865 – das war vor allem eines: Pure Lebensfreude! Denn wie das Sprichwort richtig sagt: „Wo gesungen wird, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.“ Und so verwundert es nicht, dass wir in den erhaltenen Büchern nicht nur von Singproben und Sängerfesten, sondern auch von so manchem gediegenen Schmaus mit Bockbraten, Kränzchen mit Kaffee und anschließendem Ball und mehrfachem Kommers, den offiziellen Feiern, lesen können. Wer sich durch das gestochen scharfe Sütterlin „kämpft“, kommt nicht umhin, öfters einmal zu schmunzeln über die Gelage, die nach dem Singen im Wagner’schen Gasthof „Zum Hamster“ oder auf Tagesfahrten stattfanden. Dabei stieg auch schon mal das Auto aus und die Reisegruppe musste den Goth’schen Berg rauflaufen oder Bier und Schnaps flossen bei der Geburt eines Kindes hektoliterweise bis in den frühen Morgen hinein. Louis Bärwolf war ein begnadeter Protokollführer. Er besaß nicht nur eine wunderbare Handschrift sondern er konnte die Ereignisse in den blumigsten Worten niederschreiben. Doch auch im Sänger-Chor war es wie in jedem Verein. Da lesen wir von Unpünktlichkeit zu den wöchent­lichen Proben, unent­schul­digtem Fehlen, welches mit einer Strafe von 50 Pfennig be­legt wurde, und fehlendem Nachwuchs. Dem Dirigenten Kantor Albin Blamberg und Lehrer Richard Lerp war wohl so manches Mal die Hutschnur hochgegangen, doch ein Humpen Bier machte auch die erregtesten Gemüter wieder genügsam und so wurde Woche für Woche, im Sommer weniger, im Winter intensiver geprobt und aufgeführt, um das kulturelle Leben in Großfahner zu bereichern. Der Sänger-Chor war zu jeder erdenklichen Feier dabei, bei der Einweihung des Denkmals für die Gefallenen des 1. Weltkrieges im Jahr 1922, bei der Glockenweihe 1925 und bei vielen Fahnenweihen in den Nachbardörfern, der Liedertafel Döllstädt, der Gemeinde Dachwig, vom Gesangsverein Concordia Herbs­leben und dem Gesangsverein Gierstädt. Doch die beiden Weltkriege brachten auch das Vereinsleben zum Erliegen und eine zusammenhängende Geschichte des Sänger-Chores zu Großfahner 1865 gibt es eigentlich nicht, was an der jüngeren Geschichte des ehemaligen Volkschores Großfahner sehr deutlich wird. Aber das spielt nicht die entscheidende Rolle. Wichtig ist, dass in Großfahner heute wieder gesungen wird im Fahner Singkreis, eine Tradition, die sehr weit in der Zeit zurückreicht, uns mit Freude erfüllt und an der wir festhalten sollten.

Die Jubiläumsfeier am 1. November 2015 in der Kirche „Sankt Peter & Paul“ traf auf großes Interesse der Einwohner Großfahners an der Geschichte. Die Feierstunde an diesem, mit schönstem Herbstwetter gesegneten Sonntag wurde von Pfarrer Zweynert, dem Gemeindekirchenrat, dem Ballstädter Männerchor, dem Fahner Sing­kreis und dem Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V. würdevoll ausgestaltet. Vor allem die Chöre boten, allein oder vereint, mit ihrem Gesang ein unver­gleich­liches Erlebnis, das wohl bei so manchem Besucher eine kleine Gänsehaut her­vorrief, reiht sich doch die Jubiläumsfeier nun in die lange Geschichte unseres Dorfes und unserer Kirche ein.

Nach der Feierstunde konnten die Besucher noch bei hausgebackenem Kuchen und Kaffee in der Kirche verweilen und, was nicht so oft vorkommt, an Führungen auf den Kirchturm teilnehmen, bei denen viele Informationen, Geschichten und Anekdoten über die Turmuhr, den Kirchturm und die Glocken vermittelt wurden. Die Geschichte der Glocken und des Sänger-Chores kann noch bis einschließlich Ostern in einer kleinen Ausstellung im Seitenschiff der Kirche nach den Gottesdiensten angeschaut und erforscht werden.

Wir möchten an dieser Stelle unseren herzlichsten Dank aussprechen: unseren vielen interessierten Gästen, dem Männergesangsverein 1990 Ballstädt e.V., der am 17. November 2015 sein 25. Gründungsjubiläum feierte, dem Fahner Singkreis mit Kantorin Uta Peuckert, Frau Amalia Flack für die Informationen zum Volkschor Großfahner, Familie Monika Schulz für die Schenkung der Bücher und der Fahne, Herrn Heinrich Paetow (Eisenach) für die Fotos der Glockenweihe 1925 und allen, die hier nicht namentlich erwähnt sind, an der Feier aber einen großen Anteil hatten.

Pfarrer Sebastian Zweynert, der Gemeindekirchenrat und der Verein für Heimat­ge­schich­te Großfahner e.V.

10 Jahre Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Ein kurzer Rückblick auf unsere Aktivitäten

Am Anfang stand ein Gedanke: „Warum im stillen Kämmerlein die Geschichte studieren, wenn es in Gesellschaft mehr Spaß macht und die Forschungen deutlich schneller voran kommen?“ So fand sich im Jahr 2004 erstmals der Freundeskreis Heimatgeschichte zu­sam­men, der sich der schwierigen Unter­nehmung widmete, die Ortsgeschichte Großfahners und der Umgebung zu erforschen und schriftlich fest­zuhalten. Aus diesem stetig wachsenden Freun­des­kreis ging im Herbst 2005 schließlich der Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V. hervor, mit einer Satzung, einem gewählten Vorstand und der Eintragung in das Ver­einsregister, was vieles leichter machte. Im Lauf der letzten zehn Jahre wurden 34 Mitglieder für den Verein gewonnen, die sich intensiv für den Ort Großfahner, seine Geschichte, das Brauch­tum unserer Region sowie für Kunst- und Kulturhistorisches inte­ressieren.

Wir wollten als Verein aber nicht nur forschen, erkunden und Geschichte schriftlich fest­hal­ten, sondern auch welche machen. So kam es, dass wir bereits im Jahr 2006 ein für unsere Hei­mat bedeut­sames Ereignis unterstützen konnten. Das „BIWAK anno 1806“ auf der Mühle in Kleinfahner war der Erinnerung an den Durchzug napoleonischer Truppen gewidmet, die 200 Jahre zuvor Leid und Elend über die Bevölkerung brachten und hohen materiellen Scha­den an den ersten Pflanzungen des durch Pfarrer Sickler begründeten Obstbaues an­rich­te­ten.

Die Aktivitäten des Vereins für Heimatgeschichte Großfahner e.V. wurden in den folgenden Jahren vielfältig weiterentwickelt. Immer ging und geht es um die Vermittlung von historisch Be­deut­samem, Wissenswertem und auch Kuriosem über Land und Leute. Besondere Höhepunkte der zehnjährigen Vereinsarbeit waren unter anderem drei Handwerksfeste in der Pension „Zum Alten Hauptmann“, die mit verschiedenen Themen, unter anderem zur Mode des vergangenen Jahrhunderts, alte Hand­werks­tech­ni­ken neu aufleben ließen. Neben der Vorführung konnten sich die Besucher an einigen Stän­den auch einmal selbst ausprobieren. Außer der Vermittlung historischen Wissens standen bei diesen Festen immer auch Spaß und Unterhaltung im Mittelpunkt. Es wurde gesungen, musi­ziert und getanzt – auch die Trachtentanzgruppe aus Dachwig trat zu den Hand­werks­festen zweimal auf.

Als im Jahr 2011 unser Heimatort den 1225. Jahrestag seiner urkundlichen Erster­wähnung feierte, beteiligten wir uns an verschiedenen Aktivitäten. Als eigenen Pro­gramm­punkt zur Fest­veranstaltung im Schloss-Gasthof brachten wir ein lustiges Laienspiel auf die Bühne, welches humorvolle Anekdoten aus dem Leben der großfahnerschen Bevölkerung ver­gan­gen­er Zeiten zeigte. Sicher ist vielen noch der „Tiger von der Eschenberger Flur“ oder Otto Bim in guter Erinnerung.

Im Jahr 2013 wurden drei Gebäude des Ortes Ziel der ersten Historischen Führung. Viele Ein­wohner und Gäste nahmen an dieser Veranstaltung teil und tauchten am Ort des Geschehens in die groß­fahnersche Geschichte ein. Der Weg führte dabei von der alten Schule zur Kirche und später zum Gelände des ehemaligen Schlosses der Familie von Seebach. Die Geschichte der Gebäude und viele Informationen aus vergangenen Zeiten wurden realitätsnah dar­ge­stellt. In der Schule plagte sich das arme Dorfschulmeisterlein mit den Gören, die Kirche war selbst in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges nicht vor der Pest und marodierenden Banden sicher und am Schloss berichtete die Dienerschaft über so manche, auch tragische Be­ge­ben­heit aus vergangenen Tagen. Einen besinnlichen Abschluss der Historischen Führung bil­dete das „Lied vom Schloss-Stein“, geschrieben und vorgetragen von Sibyll Plappert.

Sehr viel ernster ging es dagegen im Jahr 2014 zu, denn 100 Jahre 1. Weltkrieg verlangten die Aufarbeitung der Geschehnisse auch in unserem Heimatort. 100 Jahre zuvor waren Millio­nen junge Männer in einen Krieg gezogen, der für Unzählige mit dem Tod in der Frem­de endete und bis heute eine gesamt­gesellschaftliche Narbe hinterlassen hat. Allein aus Groß­fahner fielen 31 Väter, Söhne und Brüder. Zwei junge Freunde aus dieser Zeit, Oswin Schuchardt und Willibald Fleischmann, wurden zu Protagonisten in einem ergreifenden Theaterstück mit dem Titel „Schatten & Licht – Die Geschichte von zwei jungen Soldaten aus Großfahner im 1. Weltkrieg“, welches der Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V. als Schattenspiel im Schloss-Gasthof aufführte und das von vielen Besuchern gesehen wurde. Parallel dazu informierte eine über drei Monate laufende Ausstellung in der Pension „Zum alten Hauptmann“ über die Kriegszeit vom Sommer 1914 bis einschließlich 1919 und die Jahre danach. Die Ausstellung beschäftigte sich mit den Ereignissen in Großfahner und dem Kriegs­geschehen an den fernen Fronten, an dem mehr als 130 Männer aus dem Dorf be­teiligt waren.

Neben diesen großen Festen, Ausstellungen und Aufführungen gab es eine Menge kleinerer Aktivitäten, an denen wir uns direkt oder indirekt beteiligten. Namentlich genannt seien hier die Freilegung der Treppe zum ehemaligen Obergarten auf dem Gelände des heutigen Kindergartens und die Unterstützung zum 50. Geburtstag der Oswin-Schuchardt-Kinder­tages­stätte. In unseren Nachbarorten unterstützten wir die ansässigen Vereine, so zum Bei­spiel beim Feuerwehrfest in Kleinfahner oder beim Landestrachtenfest 2010 in Dachwig. 2013 waren wir zum ersten Mal am Umzug zum „Gothardus-Fest“ in Gotha beteiligt. Auch die Feierstunde zur Erinnerung an die Glockenweihe im Jahre 1925 und die Gründung des Sänger-Chores zu Großfahner 1865 wurde durch eine kleine Ausstellung im Seitenschiff der Kirche und Beiträge aktiv mit­gestaltet. In diesem Zusammenhang konnten wir die im Jahre 2010 mit Unterstützung der Re­gional­stiftung der Kreissparkasse Gotha aufwändig konservierte Originalfahne des Sänger-Chores der interessierten Öffentlichkeit präsentieren.

In den zurückliegenden zehn Jahren haben wir zahlreiche Vereinsexkursionen für die Mitglieder, aber auch für interessierte Gäste durchgeführt. Sie führten uns unter anderem zu historischen Stätten im Jonastal, zur Kanonenbahn in Lengenfeld unterm Stein, nach Erfurt in die Alte Synagoge oder nach Hohenfelden in das sehenswerte Thüringer Freilichtmuseum.

Nicht zu vergessen ist neben all den Aktivitäten unser Internetauftritt, der 2014 zu diesem Blog umgestaltet wurde und immer einen Besuch wert ist. Hier finden Sie aktuelle Berichte und interessante Artikel zu historischen Begebenheiten. Schauen Sie immer mal rein!

Zehn Jahre Vereinsarbeit sind eine kurze Zeit im Vergleich zur Lebenslinie unseres Heimat­ortes. Um die Vereinsarbeit weiter zu vertiefen und uns zukünftig mit anderen Heimat­ver­ein­en auszutauschen, haben wir uns im vergangenen Jahr entschlossen, dem Dachverband der Thüringer Heimat- und Trachtenvereine beizutreten. Im November 2015 wurden wir feierlich in den Thüringer Landestrachtenverband e.V. aufgenommen. Dieser Verband zählt mit über 4500 Mitgliedern zu einem der größten Verbände Thüringens. Er widmet sich, ebenso wie wir, der Pflege der Heimat­ge­schich­te, Mundart, Volkstanz und dem regionalen Brauchtum. In ein­er starken Gemeinschaft geht eben doch vieles leichter von der Hand! Wir freuen uns daher sehr auf unser neues regionalgeschichtliches Forschungsprojekt, welches wir in Zusammenarbeit mit dem Verband durchführen wollen und in Kürze hier bekanntgeben werden.

Wir bleiben auch weiterhin an der Geschichte dran. Bleiben Sie uns treu!

Für den Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Arndt Schmidt

 

Zeichnung_Friedel

Der „FRIEDEL“ aus Großfahner

Die Geschichte der PGH Fahrzeugbau Großfahner und wie alles begann

Von Heinrich Paetow, Eberhard Büchner und Thomas Daniel

In Erinnerung an Walter Paetow, Ilse Moths, verw. Paetow und Huldreich Moths

Er war und ist im ganzen Land bekannt und unter Kennern Kult, der „Friedel“ aus Großfahner. Wer jetzt an eine berühmte Persönlichkeit denkt – weit gefehlt. „Friedel“ heißt der DDR-Campingwohnwagen, der seit den 60er Jahren bis einschließlich 1990 von der PGH Fahrzeugbau Großfahner, dem späteren VEB Campinganhänger Großfahner, gebaut wurde und den Campingurlaub für die Bürger der DDR erschwinglich und populär machte.

Doch um die ganze Geschichte vom „Friedel“ aus Großfahner zu erzählen, müssen wir zunächst ein wenig in der Zeit zurück gehen, lange vor seine Geburt. Wir erinnern uns, dass in Großfahner zwei Schmieden, nämlich die von Hermann Schulz an der Hauptstraße und die von Bernhard Büchner auf der Dachwiger Chaussee existierten. Weiterhin gab es zwei Stellmacherwerkstätten, die mit den Schmieden Hand in Hand arbeiteten und so alle anfallenden Arbeiten vor Ort ausführen konnten.

Einer der Karosserie- und Stellmachermeister war Walter Paetow, der 1930 in der Werkstatt des verstorbenen Stellmachermeisters Robert Degenhardt (1866-1928) seine Arbeit in Großfahner begann. Walter Paetow wurde am 15. Mai 1905 in Garding in der Nähe von St. Peter-Ording geboren und war seit dem 21. Juni 1930 mit Ilse Degen­hardt, der Tochter des Stellmachermeisters Robert Degenhardt und Emma, geb. Götze (1868-1947), aus Großfahner verheiratet. Zusammen hatten sie drei Söhne: Donald (* 1933), Friedrich (*1938) und Heinrich (*1939), die alle in Großfahner geboren wurden.

Walter Paetow (1905-1943)Walter Paetow (1905-1943)

Walter Paetow war ein tüchtiger und sehr begabter Handwerker, der unter anderem aus­ge­feilte Aufbauten für die verschiedensten Auto­mo­bil­­typen herstellte und in seiner Gesellenzeit viel um­her­gereist war. Einige seiner Etappen waren zum Beispiel Goslar, Leipzig und Hamburg. Sein hand­werkliches Geschick zeigen unter anderem viele Fotos von fertigen Fahrzeugaufbauten, die heute gefragte Oldtimer sind. Da er sich nicht mit seiner Schwiegermutter verstand, wechselte er seinen Arbeitsort und fer­tig­te in der Zimmerer­werk­statt Synold in der Sundhaustraße gummibereifte Wagen für Pferde und Trak­to­ren sowie Aufbauten für Automobile an, vis á vis der Schmiede von Bernhard Büch­ner. In der Zeit von 1933 bis 1938 bauten er und seine Frau Ilse schließlich eine neue Werkstatt mit Wohntrakt und Holzschuppen in der Dachwiger Straße auf und ver­lagerten die Fertigung dorthin. Es wurden Maschinen, Anlagen und ein aus­reichender Vorrat an Schnittholz geschaffen, um Herstellung und Re­para­turen rei­bungslos zu ermöglichen.

Firmenstempel Paetow vorm. DegenhardtDer erste Firmenstempel von „Paetow – Karosserie und Wagenbau, Fahrzeug­re­para­tur Groß­fah­ner“. Der Zusatz „vorm. Degen­hardt“ wurde später entfernt.

Walter Paetow sollte jedoch nicht das Glück eines langen, erfüllten Lebens be­schieden sein. Durch einen Unfall brach er sich ein Bein, der offene Bruch ent­zündete sich und wenig später stellte sich Knochentuberkulose ein. Diese Er­krankung machte ihn wehrdienst­un­taug­lich und aus diesem Grund wurde er 1941 aus der Wehrmacht ausgemustert. Die Knochentuberkulose war damals nicht heilbar, sodass Walter Paetow am 26. Juli 1943 in Erfurt verstarb. Er hinterließ seine Frau und die drei Söhne. Nach dem Tod Walter Paetows und bedingt durch den 2. Weltkrieg ruhte die Produktion gummi­bereifter Wagen in der Werkstatt Paetow bis auf kleinere Reparaturen an land­wirt­schaftlichen Fahrzeugen und Ge­rä­ten, die der zum Arbeitseinsatz in Deutschland zwangsverpflichtete Franzose ‚Josef’ in der Kriegszeit bis 1945 erledigte.

Anfang 1946 pachtete die Firma Gahr und Schmidt durch Vermittlung des damaligen Bür­ger­meisters Robert Heß das Be­triebs­ge­lände und führte die Fertigung im Fahr­zeug­bau weiter. Da für den Handwerks­betrieb ein Meister notwendig war, kam Huldreich Moths, der nach dem Krieg auf der Suche nach Arbeit nach Großfahner kam, genau richtig. Eigentlich sollte er, wie viele andere auch, in der SAG Wismut im Uran­bergbau arbeiten, doch das missfiel ihm.

Huldreich Moths (1906-1979)Huldreich Moths (1906-1979)

Huldreich Moths wurde am 3. September 1906 in Altengottern geboren. Seine Eltern wa­ren Alwin Moths und Emma, geb. Schmidt. In Großfahner arbeitete er jedoch nur kurz­zei­tig für die Firma Gahr & Schmidt, da er sehr schnell die Unfähigkeit der Fir­men­inhaber erkannte, sein Arbeits­ver­hält­nis kün­digte und nach Altengottern zurück­kehrte. Die Firma Gahr & Schmidt hatte bald wirtschaftliche Schwierigkeiten, ging 1948 Pleite und hinterließ in der Werkstatt von Ilse Paetow ein ziemliches Chaos. Sie holte Huld­reich Moths, der sich durch sein handwerkliches Können und seine reiche Erfahrung im Flugzeugbau in der Waggonfabrik Gotha auszeichnete, später zurück nach Großfahner, um die Werkstatt ihres verstorbenen Mannes weiter zu betreiben. Sein Arbeitsbeginn bei „Paetow – Karosserie und Wagenbau, Fahr­zeug­re­pa­ratur Großfahner“ ist mit dem 15. Dezember 1948 vermerkt. Huldreich Moths hei­ratete Ilse Paetow am 3. September 1949 und am selben Tag wurde der Karosserie und Wagenbau Paetow in „H. Moths – Stellmachermeister Großfahner“ umbenannt. Der Betrieb wurde saniert und es ging recht schnell aufwärts. Anfangs wurden land­wirtschaftliche Fahrzeuge und Geräte gefertigt und repariert und auch kleinere Sonder­fahrzeuge wie Schäferwagen, PKW-Aufbauten (DKW-F7) und ähnliche Fahr­zeuge repariert und neu gebaut. Da aber im Ort zwei Stellmacher­werkstätten waren, reichte besonders im Winterhalbjahr der Auftragsbestand nicht immer für die Be­schäftigung der Gesellen und des Lehrlings aus. Deshalb wurde im Herbst 1949 auch eine Serie an Rodelschlitten gefertigt, die sich gut verkauften, aber aufgrund der in der DDR geltenden Preisbindung wenig Ertrag brachten. Im Herbst 1950 gastierte der Zirkus ‚Sarani’ in Großfahner und während des Auf­ent­haltes brach die Maul- und Klauenseuche aus. Der Ort wurde unter Quarantäne ge­stellt und aus diesem Grund musste der Zirkus sein Winterquartier hier aufschlagen. In dieser Zeit erhielt die Firma H. Moths den Auftrag, einen Zirkus­wohnwagen einer Ge­ne­ral­re­pa­ra­tur zu unterziehen. Dieser in guter Qualität ausgeführten Reparatur folgten weitere Auf­­träge für den Bau von Zirkuswohnwagen der verschiedensten Zirkusse wie Sa­ra­ni, Hein, Probst, Zentralzirkus und andere. Des Weiteren wurden auch Bau­stellen­wa­gen für verschiedene Abnehmer gefertigt. Im Jahre 1955 wurde ein Werk­statt­an­bau speziell für die Wohnwagenfertigung errichtet, der es er­möglichte, die Wagen kom­plett in der Werkstatt fertigzustellen.

Firmenschild H. MothsFirmenschild von „H. Moths – Wagenbau – Großfahner“

Bereits im Jahr 1953 begann eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Schmied Eber­hard Büchner und der Stellmacherei Huldreich Moths. Er führte dort viele der an­fallen­den Schmiedearbeiten aus. Im Zuge der zwangsweise erfolgenden Ein­glie­de­rung der Landwirte in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), gab es auch einen erheblichen Druck auf die Handwerker, sich zu Produktions­ge­nossen­schaften des Handwerks (PGH) zusammenzuschließen. Deshalb grün­de­ten Huldreich und Ilse Moths, der Tischler Wilhelm Beck, der Schmied Eberhard Büch­ner und die Stellmacher Walter Kosch, Rolf Schwanengel und Kurt Horn am 1. Juni 1960 die PGH Fahrzeugbau Großfahner. Mit der Spezialisierung auf Bau­stellen- und Zirkuswohnwagen flaute jedoch, trotz des Großkunden VEB Zentral­zirkus Berlin, aufgrund einer gewissen Marktsättigung das Geschäft immer mehr ab. Des Weiteren waren die Wohnwagen sehr materialintensiv, wegen der langen Bauzeit auch sehr kostenbindend und bei den für die Meli­ora­tion in Kleinserie ge­fer­tig­ten Fahr­zeugen mit viel Bürokratie bei der Fahr­zeug­abnahme verbunden. Das notwendige Material fehlte häufig an allen Ecken und En­den, vor allem, weil ja trockenes Schnittholz in großen Mengen benötigt wurde. Huld­reich Moths musste sich etwas einfallen lassen.

Ilse und Huldreich MothsIlse und Huldreich Moths im Betrieb.

Beim Besuch einer Camping- und Freizeitmesse in Düsseldorf im Jahre 1960 war ihm bei der Besichtigung der neuesten Entwicklungen auf dem Sektor der Camping­wagen und dem eigenen Bezug zum Camping – seine Frau und er fuhren seit eini­gen Jahren mit einem Klappfix regelmäßig zum Camping an die Ostsee – der Ge­dan­ke gekommen, dass hier ein künftiges Produktionsfeld des Betriebes liegen könnte. An­hand mitgebrachter Prospekte und Fotos wurde durch Huldreich Moths und seine Mit­arbeiter der Prototyp eines Campingwohnwagens gebaut, der den Material­be­schaffungs­möglichkeiten und den technischen Gegebenheiten des Betriebes nahe kam. Sein Stiefsohn Heinrich Paetow erstellte 1963 den Zeichnungs­satz und die Doku­mentation für den Campingwagen zur Vorlage bei der KTA (Kraft­fahrzeug­technische Anstalt der DDR) zur technischen Zulassung des Straßen­fahrzeuges. Der „Friedel“ war geboren!

Erste Kleinserien des Wohnwagens wurden ab 1965 gefertigt und dabei auch an­fäng­liche Schwierigkeiten in der Produktion durch systematische Materialer­pro­bun­gen und die Erarbeitung von Fertigungsstandards behoben. Diese Erprobungs- und Anlaufphase dauerte bis etwa 1967. Bedingt durch die große Nachfrage aus der Be­völkerung und das Interesse der DDR-Führung an dem Wohnwagen, konnte dieser ab 1967 in größerer Serie produziert werden. Aus diesem Grund wurde bereits ab 1965 linksseitig der Dachwiger Straße neben der neuen Schmiede ein weiterer Hallen­bau mit einer Grundfläche von 50 x 20 m für die Fertigung sowie eine Trafo­station errichtet, die über ein Erdkabel mit der Station hinter der Schule verbunden wurde. Alles in mühevoller Eigenleistung, versteht sich.

Durch die fortschreitende Herzerkrankung von Huldreich Moths übernahm ab 1965 Eber­hard Büchner den PGH-Vorsitz. Die Herzerkrankung war wohl unter anderem eine Folge der Repressalien, die Huldreich Moths, Eberhard Büchner und Wilhelm Beck ab 1963 durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erfuhren, wegen, so hieß es damals, fortgesetzter Staatsverleumdung. In der Folge leitete das MfS ein Verfahren ein, welches im Gast- und Logierhaus „Zum Hamster“ in einer Gerichts­verhandlung gipfelte, in der Huldreich Moths zu einer Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Der mit dem gesamten Verfahren ver­bun­dene Ärger und Stress brachten Huldreich Moths und seine engsten Mitarbeiter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Huldreich Moths büßte dadurch viel seines Froh­sinns ein und war seitdem ein anderer Mensch.

Werbefoto_FriedelDer Wohnwagen „Friedel“ aus der PGH Fahrzeugbau Großfahner.

Ab 1970 nahm die PGH mit dem „Friedel“ auch an Messebesuchen in Leipzig teil. Die Nachfrage nahm weiter Fahrt auf und viele Wohnwagen, wer kennt das nicht aus der Vergangenheit, waren schon über Jahre hinaus reserviert. „Nachfragen zwecklos!“, lässt ein kleiner Zeitungsbericht über den „Friedel“ aus Großfahner verlauten. Der Name „Friedel“ leitet sich im Übrigen aus dem Vor- und Zunamen der neben Ilse Moths, verw. Paetow, zweiten Frau im Betrieb ab, Frieda Rommel. Der Name entstand aus einer „Schnapslaune“ heraus, alle fanden ihn gut und so blieb es dabei. Die Produktion des neuen Wohnwagens kam aufgrund der starken Nachfrage bald nicht mehr hinterher und so wurden nach und nach mehr Mitarbeiter eingestellt bis ihre Gesamtzahl auf 33 in der Zeit vor der Wende anwuchs. Pro Jahr war so in Spitzenzeiten eine Produktion von 150 Wohnwagen möglich, die jedoch selten erreicht wurde. Engpässe bei den Zulieferern erschwerten oft die Herstellung, sodass die Beschaffung der Einzelteile manches Mal abenteuerlich anmutete. Vor allem das Plexiglas für die Fenster war ein Schwachpunkt. War keines da, ruhte die Produktion zwangsweise. Dann wurde ein Transport losgeschickt, der die 2,50 x 1,50 Meter großen Platten aus dem Stickstoffwerk Piesteritz holen musste, bis zu viermal im Jahr. Eigentlich wurden nahezu alle Teile für den „Friedel“ in aufwändiger Handarbeit und auf eigenen Maschinen in Großfahner hergestellt. Das Rohmaterial für das Fahrgestell kam meist verrostet an und musste erst einmal entrostet werden. Dazu bauten die findigen Mitarbeiter eine Schleiftrommel, in der das Material in Rotation gebracht wurde und die Teile sich gegenseitig entrosteten. Man kann sich in etwa vorstellen, welch einen Lärm die Schleiftrommel machte. Versuche mit Kies als Schleifmittel wurden auch gemacht, doch der wurde zu schnell zu Staub zermahlen, sodass beim Öffnen der Trommel jedes Mal eine große Staubwolke entwich. Diese Versuche wurden wieder aufgegeben und man beließ es bei den Stahlteilen, was eigentlich auch ganz gut funktionierte. Die Einzelteile für die Fahrgestelle wurden vor Ort abgekantet, zugeschnitten und verschweißt. Als Korrosionsschutz diente eine Lage Rostschutzfarbe und der graue bzw. silbergraue Lackanstrich. So war der Bau von bis zu vier Fahrgestellen pro Tag möglich. Die Arbeitsschutz­maßnahmen waren zu dieser Zeit jedoch noch nicht ausgereift und so manche Arbeit eine reine Schin­derei mit viel Schmutz und gesundheits­schädlichen Abgasen. Besonders Polierer und Lackierer hatten unter der Staub- und Dämpfebelastung zu leiden, sodass sie gesundheitliche Schäden davon trugen. Besser hatten es da die Polsterer und Tischler, die in ihren Werkstätten arbeiteten und die jeweiligen Komponenten fertigten, die dann in der Montagehalle verbaut wurden. Der alte „Friedel“ kostete ab Werk inklusive Akzise von 1000 MDN insgesamt 10.500 MDN. Der Preis änderte sich jedoch mehrfach und lag zuletzt für die neue Ausführung aus Sandwichplatten mit PU-Schaumfüllung bei 23.000 Mark. Die alte „Nur-Blech-Version“ war aber besser, da diese nach einen Unfall einfach mit dem Hammer ausgebeult und neu lackiert werden konnte. Mit den Sandwich-Platten ging das nicht mehr. Diese konnten auch oft nicht hinreichend gut verbunden werden und so gab es immer wieder Probleme mit Undichtigkeiten wegen Wasser. Jedes Material hatte so seine Vor- und Nachteile. Der Wohnwagen selbst war sehr einfach gebaut und besaß keine Sonder­aus­stattun­gen – ein Kleiderschrank, Spüle, Gaskocher mit außenliegender Gasflasche über der Deich­sel, zwei Sitzbänke, die bei Bedarf in die Schlafmöglichkeit ungewandelt wer­den konnten und ein Klapptisch waren der ganze „Komfort“. Doch was brauchte der Campingurlauber mehr? Ein Vorzelt gab es auch, welches von einer Zulieferfirma in Olbernhau im Erzgebirge und später in Arnstadt hergestellt wurde und damals 1000 Mark kostete. Der Urlaub mit dem „Friedel“ war fernab von heutigem Luxus, bedeutete aber für die damalige Zeit einen großen Fortschritt.

Am 1. April 1972 kam es schließlich zum Umwandlung der PGH in den VEB (Volkseigener Betrieb) Cam­ping­­anhänger Großfahner. Hans Zenkner, der ab 1967 von Eberhard Büchner den PGH-Vorsitz übernommen hatte, verließ das Unternehmen 1978 und als sein Nachfolger übernahm Anatol Lütz aus der LPG-Landtechnik die Leitung des Be­triebes. Der gehörte dann von 1985 bis 1986 dem Betrieb Autozubehör Erfurt-Mar­bach und später dem Kombinat Stapler-Instandsetzung Döllstädt im Maschinen­bau­kombinat Friemar an, welches von Roland Sauerbier, dem späteren Firmengründer von FABE, geleitet wurde. Huldreich Moths, der die PGH Fahrzeugbau mit seinen Mitarbeitern und viel Herzblut aufgebaut hat, verstarb am 14. Februar 1979 im Altenheim in Döllstädt, wenige Monate nachdem seine Frau Ilse am 15. November 1978 in Erfurt durch Komplikationen nach einer Operation gestorben war. Wer die beiden kannte weiß zu berichten, dass sie Leistung forderten aber auch für das Wohl der Angestellten sorgten und in Großfahner bekannt und beliebt waren. So kommt es, dass der Name Moths auch heute noch vielen älteren Großfahnerschen ein wohl­klingender Begriff ist. Da das Grundstück der PGH nach dem Tod von Huldreich Moths an die Söhne vererbt wurde, entschlossen sich die Gebrüder Paetow im Jahr 1980 zum Verkauf desselben an den VEB Camping­anhänger Großfahner, weil Instandhaltungskosten und Mieteinnahmen nicht im wirtschaftlichen Verhältnis zu­einander gestanden hätten.

Im Jahr 1990 wurde die Produktion von Campingwohnwagen aufgrund des rapiden Zusammenbruchs der Nachfrage schrittweise eingestellt, sodass in diesem Jahr der letzte „Friedel“ aus Großfahner das Werk verließ. Die letzten Exemplare wurden für 7000 Mark Ost verkauft und einige Mitarbeiter leisteten sich so einen eigenhändig gebauten Wohnwagen. Insgesamt beläuft sich seine Produktionszahl auf um die 1000 Stück und manch einer schlummert noch heute in einer Garage oder Scheune vor sich hin. Um die Beschäftigung der Mitarbeiter in der turbulenten Wendezeit zu gewährleisten, fertigte der VEB zwischenzeitlich Brennholzkreissägen, Hobel­ma­schi­nen und Abrichten für den VEB Aufzugsbau Nordhausen. Die Produktion wurde schließ­lich mit dem 14. September 1990 auf Metallbearbeitung und Pulver­farb­be­schichtung umgestellt und so ging der VEB Campinganhänger Großfahner in die Firma FABE über, die von Roland Sauerbier aufgebaut wurde. Die Firma „Fabé – Best for Metal“ ist heute einer der größten Arbeitgeber im Ort, der Bau von Wohnwagen aber für immer Geschichte.

Der „Friedel“ aus Großfahner erfreut sich aufgrund seiner soliden und geradlinigen Bauweise auch heute noch sehr großer Beliebtheit unter den Camping-Enthusiasten und ist inzwischen zur Legende geworden. Einer ist sogar im Erwin-Hymer-Museum in Bad Waldsee in Baden-Württemberg zu sehen.

Abkürzungen und Worterklärungen:

Akzise – indirekte Steuer, Binnenzoll, im Kaufpreis enthalten.

MDN – Mark der Deutschen Notenbank

Den gesamten Text mit den Fotos finden Sie hier als pdf zum Download sowie unten weitere Fotos, Werbeprospekte und die Bedienungsanleitung zum „Friedel“, sämtlich zur Verfügung gestellt von Herrn Heinrich Paetow, Eisenach.

Werbeprospekt Friedel rot

Werbeprospekt Friedel blau

Bedienungsanleitung Friedel EW 500-3

Zeitungsartikel_Das_Volk_1974_1100_Jahre_Fahner-Dörfer

Kopie von 100_7960

Uhlich’s Stein

Viele wissen, dass es ihn gibt, doch kaum einer weiß genau, wo er sich befindet und warum er da ist: der Uhlich-Stein. Mit dem stummen Zeugen, gehauen aus Seeberger Sandstein,  ist eine tragische Geschichte verbunden, über die leider nicht mehr allzuviel bekannt ist.

Das verewigte Datum, der 16. November 1839, ist das Todesdatum des vielgeachteten und beliebt gewesenen Rittergutspächters zu Großfahner Heinrich Uhlich. Dieser ist auf einer Jagd im fahnerschen Wald auf „entsetzliche Weise“ ums Leben gekommen. Mündlichen Überlieferungen zufolge, stellte der Pächter Wilderer auf frischer Tat und bezahlte dafür mit dem Leben.

Den Uhlich-Stein, vielfach auch Uli-Stein genannt, zu finden ist schwer, wenn man sich im Wald nicht gut auskennt. Auch eine Wegbeschreibung nutzt da nicht viel. Aber vielleicht ist es auch besser so, dass er tief im Wald verborgen steht.

Die Todesanzeige von Heinrich Uhlich erschien in der Nr. 233 der Gothaischen Zeitung vom 21. November 1839.

Todesanzeige

Todesanzeige für Heinrich Uhlich vom 21. November 1839, Gothaische Zeitung, Nr. 233. Thüringisches Staatsarchiv Gotha.