Kategorie-Archiv: Geschichte

Großfahner gestern und heute – No. 1

Ein berühmtes Zitat von Heraklit von Ephesos (* um 520 v. Chr.; † um 460 v. Chr.) lautet da: “Nichts ist so beständig wie der Wandel.”. Dieser Wandel geschieht manchmal rasch, manchmal aber auch sehr langsam und über einen langen Zeitraum, fast unbemerkt und unspektakulär. Nichts verdeutlicht ihn so sehr wie der Vergleich von Fotos, alten und neuen. Wir starten daher eine neue Serie, in der wir historischen Aufnahmen aus dem Ort aktuelle Fotos gegenüberstellen.

Beginnen möchten wir mit einer Aufnahme des Vierseiten-Hofes Lange Gasse 89 um das Jahr 1910, die uns vom Besitzer, Herrn Gunter Weiß, zur Verfügung gestellt wurde. Sie zeigt ein Gebäudeensemble, über welches wir schon im Artikel über denkmalgeschützte Gebäude und Objekte in Großfahner berichteten. Das Kernhaus, der linke Teil in Giebelansicht, stammt aus dem 16. Jahrundert und diente früher als katholisches Pfarrhaus. 1905 wurde der rechte Teil als Neubau errichtet. Im Vergleich mit dem aktuellen Foto unten hat sich bis auf das Küchenfenster ganz links und den Giebel sehr wenig verändert. Nur die Hühner und Gänse laufen heute nicht mehr frei auf der Straße herum.

Wohnhaus Lange Gasse 89 um 1910.

Wohnhaus von Familie Göldner, Lange Gasse 89 um 1910.

Das Wohnhaus von Familie Weiss, Lange Gasse 89

Wohnhaus von Familie Weiß, Lange Gasse 89 im Jahr 2016.

Ihr Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

P-51-Mustang-16

POW/MIA im Einsatz an den Fahnerschen Höhen

Wer im Juli und August des Jahres 2016 aufmerksam auf der Bundesstraße 4 zwischen Gräfentonna und Döllstädt fuhr, bemerkte zuweilen einen großen, weißen LKW und weitere Fahrzeuge auf einem abgeernteten Kornfeld etwas abseits der Straße. Brunnenbohrungen? Geothermie? Archäologische Ausgrabungen? Nah dran. Was sich hier über anderthalb Monate abspielte, war die Bergung eines im 2. Weltkrieg abgestürzten amerikanischen Jagdflugzeugs, einer P-51 Mustang und ihres toten Piloten. Die forensische Anthropologin Mary S. Megyesi grub mit einem 25-köpfigen Team aus US-Soldaten in mühevoller Kleinarbeit nach Teilen des Flugzeugs und barg die sterblichen Überreste des Piloten. „Wir versuchen, jeden einzelnen Knochen oder auch nur Knochensplitter zu finden, damit die Gebeine zurück in die USA überführt und dort ordentlich bestattet werden können. Zunächst aber kommen die Knochen in ein DNS-Labor, wo genetische Untersuchungen daran gemacht werden. Wenn wir den Namen des Piloten sicher bestätigen können und noch lebende Angehörige finden, werden ihnen die Knochen dann zur endgültigen Bestattung übergeben.“, so die Grabungsleiterin. „Die Verwandten können dann entscheiden, ob ihr Angehöriger zum Beispiel auf dem Militärfriedhof in Arlington mit allen militärischen Ehren bestattet wird oder er seine letzte Ruhe auf dem Friedhof der Heimatgemeinde findet. In diesem Fall wissen wir noch nicht mit Sicherheit, welcher Pilot hier gestorben ist. Das werden wir aber rausfinden und hoffen, dass wir einen weiteren Vermisstenfall lösen können.“

Until they’re home. / Bis sie wieder zuhause sind.“ – das ist das Moto der Organisation „Defense POW/MIA* Accounting Agency“, für die Mary S. Megyesi mit ihrem Team in die ganze Welt reist, um im Kampf getötete und vermisste US-Militärangehörige zu finden und in die USA zu überführen. Laos, Vietnam, Korea und einige andere Länder gehören zu ihrem Arbeitsgebiet. „Grundsätzlich verschieden sind sie: von den Bodenbedingungen, den Grabungs- und Bergungsbedingungen sowie der Erhaltung der Reste, die wir vorfinden.“ sagt die Anthropologin. Das Vorgehen ist dabei immer das gleiche. „Wir führen etwa zwei bis drei Grabungskampagnen pro Jahr durch. Es gibt mehrere Teams, die parallel arbeiten, aber alle Ergebnisse fließen im Central Identification Laboratory auf Hawaii zusammen und werden hier ausgewertet. Wir arbeiten solange, bis alle Vermissten wieder zuhause sind.“ Und das sind nach Angaben der Organisation sehr viele: 83.000 US-Soldaten werden seit dem 2. Weltkrieg in vielen Teilen der Welt vermisst, die Mehrzahl in Vietnam und Korea und auf dem europäischen Kontinent.

Dass im 2. Weltkrieg in der Nähe Gräfentonnas ein Jagdflieger abgestürzt ist, war lange bekannt und es gibt auch noch Augenzeugen, die von dem Absturz berichten können. Sie wurden nach ihren Beobachtungen befragt. Das Flugzeug soll nach der Bombardierung Merseburgs auf dem Rückflug beschossen worden sein und stürzte hier am 21. November 1944 ab (MACR 10301*). „Einheimische holten den Bordkompass und das Maschinengewehr aus dem Flugzeug.“, berichtet Andreas Fleischmann aus Großfahner, dessen Großvater Willibald Fleischmann zu den Augenzeugen gehört. Dieser fand damals auch einen ledernen Handschuh, in dem noch die abgetrennte Hand des Piloten steckte. Mitgenommen habe er den freilich nicht. Was mit dem Leichnam des Piloten passierte, ist nach mehr als siebzig Jahren nicht mehr zu ermitteln. „Genau orten konnte die Absturzstelle in dem weitläufigen Gebiet ein Hobbyforscher mit einem Metalldetektor bereits im Jahr 2008. Er meldete seinen Fund an die US-Behörden und wir planten dann unseren Einsatz für dieses Jahr.“, so Megyesi. Dass die Grabung und Aufklärungsarbeit erst jetzt, rund 72 Jahre nach dem Absturz stattfinden kann, ist den politischen Umständen nach dem 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg geschuldet. „Wir kamen bis 1989 an viele Stellen einfach nicht ran“, so die Grabungsleiterin.

Dass die Bergung arkribisch vorbereitet sein will, leuchtet ein, wenn man sieht, mit wie viel Equipment und Arbeitskräften die Amerikaner graben und jeden einzelnen Erdbrocken zerkleinern und durchsieben. „Mehrere Monate Vorbereitungszeit sind keine Seltenheit und wir sind immer auf die Hilfe unserer Kollegen vor Ort und der Landesbehörden sowie das Wohlwollen des Landbesitzers angewiesen.“ Das hatten sie diesmal, denn der zeigte sich der Bergung gegenüber sehr offen, ließ die Soldaten in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und lud sie zum vorläufigen Abschluss ihrer Arbeit in Gräfentonna zum Grillen ein. „Uns geht es bei der Bergung nicht vorrangig um die Trümmer des Flugzeugs, die wir natürlich auch restlos mitnehmen, sondern vielmehr um die sterblichen Überreste und die persönliche Habe des Piloten.“ Seine Armbanduhr wurde zum Beispiel bereits gefunden und auch Teile der Uniform. Indes ist Publikumsverkehr auf der Grabungsstelle nicht erwünscht. Zu groß ist die Sorge um die Überreste und die Angst vor Raubgräbern. Jeder, der sich nähert, wird auf Abstand gehalten. Defacto stellt die Absturzstelle ein Kriegsgrab dar, dass dauerhaften, gesetzlich geregelten Bestandsschutz genießt, solange sich noch menschliche Überreste hier befinden. Graben oder auch nur das Aufsammeln von Objekten sind daher streng verboten und die Stelle wird überwacht.


Dank geht an Mary S. Megyesi (PhD) für das gegebene Interview, Capt. Mike Ellis für zusätzliche Erläuertungen sowie an Staff Sgt. Erik Cardenas für die bereitgestellten Fotos der Grabungskampagne. Wir wünschen dem Team weiterhin viel Erfolg bei seiner Arbeit!


Fotogalerie: Alle Fotos Staff Sgt. Erik Cardenas, Defense POW/MIA Accounting Agency.

* Abkürzungen:

POW/MIA – Prisoner of War / Missing in Action. Kriegsgefangener / Im Kampf vermisster Soldat.

MACR – Missing Air Crew Report. Einsehbar auf www.archives.gov/research/military/ww2/missing-air-crew-reports.html.

Hier gibt es mehr Fotos: www.dvidshub.net/image/2791594/dpaa-conducts-search-and-recovery-efforts-germany

Literatur: Lämmerhirt, R. & Hälbig, E. (2012): Luftkrieg im Raum Eisenach – Gotha – Hainich – Werratal – Thüringer Wald 1943-1945. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza. ISBN: 9783867773485.

Quelle Beitragsbild P-51-Mustang-16: www.aviation.stackexchange.com

Kühnsche Turmuhr Großfahner 417_1919

No. 417, Baujahr 1919

Schwer liegt der große Eisenschlüssel in der Hand. Er rastet im Schloss ein und mit einem leichten Dreh öffnet er den Riegel, der das Eingangsportal der Kirche „Sankt Peter & Paul“ in Großfahner versperrt. Wir begeben uns auf Spurensuche für ein Buch, das drei Uhren- und Geschichtsenthusiasten aus Gräfenroda und Waltershausen schreiben wollen – über die ehemalige Turmuhrfabrik und Mechanische Werkstatt Wilhelm Kühn in Gräfenroda. Harald Siefert aus Gräfenroda bat uns per Email, doch einmal nachzusehen, ob in Großfahner noch eine Kühn’sche Turmuhr steht, welche Nummer sie hat und wer sie wartet. Die Gemeinde Großfahner steht auf einer alten Liste der Firma Kühn, zusammengestellt um das Jahr 1930.

„Das Betreten des Turmes ist Unbefugten verboten. Zuwiderhandlung wird mit 10 Reichsmark bestraft! Der Bürgermeister.“ steht da auf einem handgemalten Holzschild am Eingang zum Turm, das von früheren Zeiten kündet. Tatsächlich gehörte der Turm nicht der Kirche sondern der Gemeinde, die damit auch für ihn verantwortlich war. Ob Olga Nöthlich und Fritz Brill auch die 10 Reichsmark zahlen mussten, als sie im Frühjahr 1945 unter Einsatz ihres Lebens die weiße Fahne auf dem Kirchturm hissten?

Die dicken Eichenstufen im Turm knarren unter unseren Füßen und wir hinterlassen unsere Spuren im Staub, der neben den Spinnweben allgegenwärtig ist. Auf der ersten Etage angekommen, erblicken wir bereits die schweren Gewichte, die, an Stahlseilen hängend, die Mechanik der Uhr antreiben. Besser gesagt antrieben, denn hier bewegt sich seit vielen Jahrzehnten nichts mehr. Doch dazu später mehr. Noch zwei Etagen müssen wir erklimmen und dann stehen wir vor einem hölzernen Verschlag mit einer Tür. Auf den Brettern erkennen wir verschiedene Inschriften aus den 40er, 50er und 60er Jahren. Alles Einträge von technischen Wartungen der Turmuhr – von Karl-Heinz Fabig aus Gräfenroda zum Beispiel. Die Tür lässt sich nur schwer öffnen, das alte Kastenschloss klemmt. Doch sie geht unter einigem Ächzen auf. Dahinter, unscheinbar und eingehaust in einem hölzernen Uhrenkasten finden wir sie: die alte, stumme Turmuhr. Und tatsächlich: auf dem Uhrenkasten befindet sich eine gegossene Firmenplakette mit floralen Jugendstil-Elementen und dem Schriftzug „Wilhelm Kühn Turmuhren-Fabrik Gräfenroda.

Firmenplakette der Firma Wilhelm Kühn Turmuhrenfabrik Gräfenroda in Thüringen.

Firmenplakette der Firma Wilhelm Kühn Turmuhren-Fabrik Gräfenroda in Thüringen.

Wir öffnen behutsam den Kasten und nehmen die Frontverkleidung ab. Wunderschön sieht sie aus und auch nach vielen Jahrzehnten wie frisch aus der Werkstatt. Dabei hat sie nun fast 100 Jahre auf dem Buckel. Die großen, blanken Zahnräder heben sich deutlich gegen das in leuchtendem Grün lackierte Gestell aus Gusseisen ab. Direkt auf dem Gestell entdecken wir das mit laufender Nummer und Jahreszahl versehene Schild „Thurmuhrfabrik & Mechanische Werkstatt Wilhelm Kühn in Gräfenroda / Th., No. 417 Anno 1919″. Treffer!

Seriennummer und Jahr der Herstellung der großfahnerschen Turmuhr.

Seriennummer und Jahr der Herstellung der großfahnerschen Turmuhr.

Hier liegt die Kurbel, da steht das Ölkännchen, gerade so, als wäre die Uhr nur kurze Zeit außer Betrieb. Was ist das? Da ist ein Zettel angeheftet! Nachdem wir den Staub etwas entfernt haben, können wir dort lesen: „Von Station Gräfenroda nach Station Döllstädt über Gotha am 6. Juni 1919.“ Der Lieferschein, der die Uhr von Gräfenroda nach Großfahner begleitete! Jemand hat sich die Mühe gemacht, den kleinen, unscheinbaren Beleg mit Eisenstiften in den Uhrenkasten zu heften. Was für ein Glücksfall, denn Harald Siefert wird uns später berichten, dass er nur einen einzigen weiteren Beleg für einen derartigen Lieferschein kenne. Sie wurden wohl in der Regel nach dem Einbau entfernt und weggeworfen.

Warenbegleit bzw. Lieferschein der großfahnerschen Turmuhr von Gräfenroda zum Bahnhof Döllstädt am 6. Juni 1919, angeschlagen im Uhrenkasten.

Warenbegleit- bzw. Lieferschein der großfahnerschen Turmuhr von Gräfenroda zum Bahnhof Döllstädt am 6. Juni 1919, angeschlagen im Uhrenkasten.

Pfarrer Arthur Meng schreibt in den Heimatglocken, dem evangelischen Gemeindeblatt für Großfahner in der Ausgabe Mai/Juni 1919 über die Inbetriebnahme der Uhr: „Am 20. Juni ging endlich ein langgehegter Wunsch der Gemeinde in Erfüllung. An diesem Tage wurde die neue Turmuhr dem Betrieb übergeben. Seit vielen Jahrzehnten war die Gemeinde eigentlich ohne rechte Uhr, da die alte nur ganz dürftig ihren Zweck erfüllte. Das eigentliche Werk ist alt, denn an einer Seite des eisernen Gestells ist zu lesen: Verfertigt von dem Fürstl. Schwarzb. Rudolst. Hofuhrmacher Georg Andreas Eberhardt, Stadilm i. Jahre 1796. Nach einer anderen Angabe soll sie 1805 aufgestellt sein. Doch wird die erste Lesart wohl die richtigere sein. Nach Erbauung des neuen Turmes 1875 ist auch die Uhr repariert worden. Jedenfalls hat die Gemeinde davon wenig gespürt. Die neue Uhr ist ein Werk der bekannten und angesehenen Turmuhrfirma Wilhelm Kühn in Gräfenroda. Sie läuft ununterbrochen 8 Tage und ist bester und neuester Konstruktion. Möge das Werk den Meister loben. Unserer Gemeinde aber möchte die Uhr Stunden schlagen, die zweierlei bringen: Gottesfrieden und täglich Brot!“

Wir machen die von Harald Siefert gewünschten Fotos, schließen den Uhrenkasten dicht ab und überlassen die Uhr wieder der Stille. Doch damit ist es nicht getan, denn der schwierigste Teil der Spurensuche steht noch bevor. Wer hat die Uhr gewartet und jede Woche aufgezogen, bis sie stillgelegt und durch ein elektronisches Funkwerk ersetzt wurde? Dazu müssen wir die älteren Einwohner finden, die sich daran vielleicht noch erinnern können. Nach vielem Fragen werden wir letztendlich beim ehemaligen Kirchenratsmitglied und Posaunisten Arno Lütz in der Mittelgasse fündig. Der rüstige Fünfundachtzigjährige erinnert sich, dass Frieda und Hans Ernst sowie Herbert Heinemann und vor allem Paul Kühn, der mit der Familie Kühn aus Gräfenroda keine verwandtschaftlichen Beziehungen hatte, die Uhr über die Jahre warteten und wöchentlich aufzogen. Da die Stilllegung der Kirchturmuhr nun schon einige Jahrzehnte zurück liegt, ist es schwierig, genau zu sagen, wer sie zu welcher Zeit betreute und wann ihre letzte Stunde schlug. Darüber gibt es leider keine bekannten Aufzeichnungen. So muss es reichen und die Informationen gehen zusammen mit den Fotos nach Gräfenroda, wo sie schon sehnlichst erwartet werden, denn die Zeit drängt.

Rotraut Greßler, Ursula Schwientek (eine Nachfahrin der Kühns) und Harald Siefert veröffentlichten ihr Manuskript zum Buch am 19. November 2016 in der St. Laurentius-Kirche zu Gräfenroda vor einem großen, interessierten Publikum. Das Druckwerk erschien kurze Zeit später am 26. Dezember des Jahres. Nun halten auch wir ein Exemplar für unsere Vereinsbibliothek in Händen, blättern, suchen und finden „unsere“ Uhr auf Seite 142, hinter Nummer 416 in der Kirche St. Jacobus in Zimmernsupra und vor Nummer 418 in der Dorfkirche Großliebringen. Wir können teilhaben an der akribisch recherchierten Firmengeschichte der Thurmuhrfabrik & Mechanischen Werkstatt Wilhelm Kühn in Gräfenroda, eintauchen in über 150 Jahre Kultur- und Technikgeschichte und erfahren viele historische Details über die Kühns und ihre Uhren, mit denen sie sich in Thüringen, Deutschland, Europa, ja der ganzen Welt einen Namen gemacht und ein Denkmal gesetzt haben. Und wir ziehen den Hut vor der herausragenden Leistung, die unzähligen Informationen, Fotos und Details aus Nah und Fern in einem Buch vereint zu haben, das seines Gleichen sucht. Chapeau!

DAs Buch "Kühnsche Turmuhren aus Gräfenroda", erschienen im Eigenverlag Rotraus Greßler.

Das Buch „Kühnsche Turmuhren aus Gräfenroda“, erschienen im Eigenverlag Rotraut Greßler.

Wer das Buch (ISBN: 978-3-932655-53-1) zum Preis von 29,80 Euro zzgl. Versand bestellen, die Turmuhr der eigenen Heimatgemeinde und die Geschichte der Fabrik entdecken möchte, wende sich am besten an die Herausgeberin: Rotraut Greßler in Waltershausen. Email: info@sagestreffend.de. Weitere Informationen zum Buch gibt es hier: www.sagestreffend.de/inhalte/kuehnsche_turmuhren.

Wir können es nur empfehlen!

Ihr Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Einige Orte in der Umgebung, die eine im Betrieb befindliche Kühn’sche Turmuhr besitzen mit Nummer und Jahr der Herstellung: Gierstädt (358/1910), Kleinfahner (144/1885), Herbsleben (388/1914), Nägelstedt (403/1916), Eschenbergen (455/1924), Hausen (481/1926), Bufleben (93/1875). Alle Angaben zu den Uhren der umliegenden Orte wurden aus dem Buch entnommen.

Denkmalplakette

Das steht unter Denkmalschutz!

Großfahner ist, wenngleich sehr alt, nicht besonders reich an eingetragenen, denkmalgeschützten Gebäuden und Objekten. Das ist einerseits dem Umstand anzulasten, dass bauhistorisch wertvolle Gebäude früher bedeutend einfacher abgerissen werden konnten und andererseits der Schutzgedanke sehr spät aufkam und damals noch nicht so ausgeprägt war wie heute. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten in der DDR ließen den Erhalt historischer Bausubstanz nur bedingt zu, es gab oft kein passendes Material oder das Geld für den Erhalt war schlichtweg nicht da.

Oft schon wurden wir gefragt, welche Gebäude denn nun bei uns, hier im Dorf unter Denkmalschutz stünden. Die Liste, die uns vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie übermittelt wurde, ist leider kurz, doch wir möchten sie hier mit einigen Informationen und Fotos zu den Objekten wiedergeben.

Evangelische Kirche „Sankt Peter & Paul“ mit künstlerischer Ausstattung

Kirche „Sankt Peter & Paul“ zu Großfahner

Die Kirche „Sankt Peter & Paul“ entstand in ihrer heutigen Grundform in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus den Ruinen der im Jahr 1646 abgebrannten Kirche. Dabei wurde das nördliche Seitenschiff in den Neubau integriert, das südliche jedoch vollständig abgetragen, sodass das Kirchenschiff heute etwas unsymmetrisch wirkt. Der aus Travertin, Muschelkalk und Sandstein errichtete Turm im Stil der Neugotik wurde in den Jahren 1873/74 erbaut, nachdem der barocke Turm mit Zwiebelhaube baufällig geworden war und abgetragen wurde. Der Glockenstuhl mit einem heute unvollständigen Dreigeläut wurde aus dem Altbau übernommen und in den neuen Turm überführt. Aus der neuen Zeit sind mehrere Turmknopferneuerungen, so 1913, 1953 und 1968 überliefert. Die letzte mit Erneuerung der Wetterfahne liegt also inzwischen auch schon wieder nahezu 50 Jahre zurück. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts fand eine umfassende Sanierung der bis dahin baufälligen Kirche statt. Es wurden archäologische Untersuchungen durchgeführt, die eine dreischiffige Basilika mit halbkreisförmiger Apsis als Vorgängerbau der im 30jährigen Krieg zerstörten Kirche vermuten lassen. Die Innenausstattung aus dem 19. Jahrhundert wurde fast vollständig entfernt und unter der Pfostenverkleidung der Empore kamen Eichenbalken im Zopfstil zum Vorschein, die heute wieder zu sehen sind. Leider ist die alte Orgel, die unter anderem schon unter einer Kriegsmetallspende im 1. Weltkrieg zu leiden hatte, aufgrund irreparabler Schäden nicht mehr zu retten gewesen. Die filigrane Kanzel existiert noch, ist aber restaurierungsbedürftig und wurde deshalb eingelagert. Der Turm beherbergt außerdem die stillgelegte mechanische Turmuhr mit der Nummer 417 aus dem Jahr 1919, gefertigt in der T(h)urmuhrfabrik und Mechanischen Werkstatt Wilhelm Kühn aus Gräfenroda in Thüringen, über die kürzlich eine sehr interessante Buchpublikation erschienen ist. Ein kleines technisches Denkmal.

Pfarrhof Gartenstraße 11

Pfarrhaus Großfahner in der Gartenstraße 11

Pfarrhaus Großfahner mit Nebengebäude  in der Gartenstraße 11.

Der Pfarrhof ist ein Fachwerkbau aus dem 18. Jahrundert und wurde in vergangenen Zeiten mehrfach saniert. Das Besondere an dem Ensemble ist ein erhaltener Laubengang am Wirtschaftsgebäude des Pfarrhofes sowie das Pfarrhaus mit Walmdach ansich. An einem Türsturz zur Pfarrgasse ist die Jahreszahl 1597 eingeschlagen. Das Baumaterial könnte in späterer Zeit wiederverwendet worden sein, wobei der Ursprung des Sturzes nicht mehr zu rekonstruieren ist. Das Haus beherbergt heute eine Mietwohnung sowie das Evangelische Pfarramt Großfahner, das von Pfarrer Sebastian Zweynert bekleidet wird.

Wohnhaus in der Freiheitsstraße 35/36

Wohnhaus Freiheitsstraße 36

Wohnhaus Freiheitsstraße 36

Das Fachwerkhaus Freiheitsstraße 35/36 gehörte vor der Bodenreform zum Rittergut Großfahner und beherbergte in der Erntesaison die polnischen Erntehelfer. Im Winter war es zeitweise nicht bewohnt. Mit der Enteignung des Rittergutsbesitzes kam es in private Hand und Wohnhaus und Grundstück wurden geteilt, weshalb es auch zwei Hausnummern aufweist. Die dominante Scheune auf dem Grundstück wurde erst nach dem 2. Weltkrieg teilweise aus Abbruchmaterial der beiden Schlösser errichtet.

Wohnhaus in der Langen Gasse 89

Das Wohnhaus von Familie Weis, Lange Gasse 89

Das Wohnhaus von Familie Weiß, Lange Gasse 89.

Das Wohnhaus von Familie Weiß ist eines der schönsten und ältesten Gebäude im Dorf und hat sich seinen historischen Charakter über viele Jahrzehnte unverändert bewahrt, was vor allem am bewussten Widerwillen der Besitzer liegt, sich den modernen, baulichen Gepflogenheiten anzupassen. Das Kernhaus mit dem Giebel zur Straßenseite diente vor der Reformation als Pfarrhaus und beherbergte viele Generationen katholischer Geistlicher. Nicht zuletzt, weil auf dem „Höch“ (Hög) einst eine Kapelle stand, die dem heiligen Bonifatius geweiht war. Die Wegbezeichnung „Pfaffenstieg“ für den Stichweg entlang des Hauses auf den „Höch“ kündet noch heute davon. In den Jahren 1905 und 1913 wurden weitere Gebäudeteile hinzugefügt und es entstand der heutige Vierseit-Hof. Das gesamte Ensemble, betritt man es durch das große zweiflügelige Hoftor, wirkt wie eine Zeitmaschine und versetzt den Besucher um 100 Jahre in der Zeit zurück.

Denkmal-Ensemble historische Dorfmauer

An der Dorfwand

An der Dorfwand im Bereich des alten Schlossgartens, heute Grundschule Großfahner.

Die historische Dorfmauer ist das wohl größte Denkmal im Ort und über mehrere erhaltene Abschnitte, mittlerweile im Dorf, verteilt. Am bekanntesten ist wohl der Abschnitt, der direkt die Bezeichnung „An der Dorfwand“ trägt und den Schulgarten der Grundschule einfriedet. Vor der Bodenreform befand sich hier der Schlossgarten der Familie von Seebach. Ein weiterer Abschnitt findet sich „Im Wieschen“ und zieht sich bis auf den Höch und in die Lange Gasse hinein. Teile dieser Mauer sind jedoch nach einem großen Einsturz in den 90er Jahren rekonstruiert und schon früher aufgrund einer notwendig gewordenen Verlagerung aus Ziegelsteinen und grauem Rauhputz neu errichtet worden. Die historische Bauweise aus Muschelkalksteinen und Lehm ist sehr eindrucksvoll am Abschnitt Lange Gasse 86 zu beobachten. Die Wand bzw. ihre Reste ziehen sich durch die Gärten und enden im Kindergarten in einer wunderschönen Freitreppe aus Travertin und Sandstein. Damit umfriedet sie die ehemalige Terrassengärtnerei des Rittergutes, auch Obergarten genannt. Die Freitreppe, die noch in den 50er Jahren einen Teepavillon trug und einen Brunnen beherbergte, ist leider seit langem baufällig und zur Sicherheit der Kinder umzäunt. Da das gemeindliche Pachtland des Obergartens kürzlich teilweise in Privathand überging, ist zu hoffen, dass die neuen Besitzer sich des kulturellen Erbes der Dorfmauer bewusst sind und diese in die Gestaltung ihres Anwesens integrieren und somit erhalten. Das ist teilweise schon durch eine neue Ziegeldeckung und Aufmauerungen bzw. Sicherungen gelungen.

Freitreppe im Kindergarten Großfahner

Die Freitreppe im Kindergarten Großfahner, ehemalige Gutsgärtnerei „Tews“ im Obergarten.

Dorfmauer aus Muschelkalk in der Lange Gasse.

Dorfmauer aus Muschelkalk in der Lange Gasse.

Nicht unter Denkmalschutz stehend, doch ebenfalls interessant sind:

Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege

Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges von 1922

Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges von 1922

Im Jahr 1922 in Erinnerung an die 31 Gefallenen des 1. Weltkriegs aus Großfahner errichtet, blieb das Denkmal bis zum Jahr 1945 in seinem ursprünglichen Zustand. Da in Großfahner aber einiges 110prozentig gemacht werden musste, fiel es nach dem 2. Weltkrieg einer sinnlosen Entmilitarisierungsaktion zum Opfer und der stilisierte Soldatenkopf mit Stahlhelm wurde abgeschlagen. Sein Verbleib ist unbekannt. Da die Muschelkalktafeln mit den Namensgravuren in den darauffolgenden Jahrzehnten immer mehr verwitterten und unleserlich wurden, entschloss sich die Gemeinde im Jahr 2005 zur Erstellung neuer Tafeln aus Metall und zur Ergänzung der Namen der Gefallenen des 2. Weltkriegs. Das Denkmal wurde zuvor von Steinmetz Streithoff saniert und schließlich am Volkstrauertag des Jahres 2005 erneut eingeweiht.

Grabmale in der Kirche und auf dem Friedhof Großfahner

An der Nordseite des Kirchturmes und im Inneren der Kirche sind einige Grabmale der Herren von Seebach aufgestellt, unter anderem das der Eheleute Rittmeister Werner von Seebach (1873-1956) und seiner Frau Elisabeth, geb. von Broizem (1878-1953), der Eltern des letzten Besitzers des Rittergutes Großfahner, Alexander Freiherr von Seebach. Der Grabstein stand ursprünglich auf dem Hauptfriedhof in Erfurt, wo die Eheleute bestattet wurden. Nach dem Ablauf der Liegezeit wurde er nach Großfahner geholt und erinnert heute an die Familie und ihre Vertreibung aus dem Ort Ende der 40er Jahre. Auch die Grabplatten der vermutlich ersten Herren von Seebach sind im nördlichen Seitenschiff der Kirche zu sehen. Sie wurden bei den Ausgrabungen in der Kirche in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts gefunden und gesichert.

Grabplatten an der Nordseite des Kirchturmes

Grabplatten an der Nordseite des Kirchturmes. Sie zeugen u.a. vom Tod dreier Kinder der Familie von Seebach.

Auf dem Friedhof selbst finden sich verstreut weitere alte Grabmale, unter anderem des vielseitig aktiven Pfarrers Artur Meng und seiner Frau, der Familie Kantor Albin Blamberg und der Familie von Seebach auf Großfahner Schieferschloss, ein Zweig der Familie, der mit der Heirat von Gabriele von Seebach in das Haus von Rappard und später von Minnigerode überging.

Wer die Augen offen hält, kann darüber hinaus auch ein „Denkmal“ entdecken, dass ein wenig der Zeit entrückt zu sein scheint – es ist jenes der Pioniere am alten Landwarenhaus. Die jungen Pioniere haben insgesamt schon etwas gelitten; dem Trommler fehlen die Stöcke, dem Trompeter die Trompete und dem Fahnenträger die Fahne. Wenn man so will, steht es sinnbildlich für eine Zeit, über die heute keiner mehr etwas wissen will. Wir sind jedoch froh, dass es noch da ist und dem Zeitgeist geduldig trotzt. Es ist eben auch ein Stück Geschichte.

In den letzten Jahren wurde einige sehr sehenswerte Fachwerkhäuser im alten Stil saniert und / oder neu errrichtet. Dass dem so ist, verdanken wir vor allem Lehmbaumeister Tilo Schneider aus Kleinfahner, der mit seiner Firma das historische Flair der Dörfer am Fuße der Fahnerschen Höhen ein Stück weit bewahrt.


Dank geht an Frau Sabine Ortmann vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Erfurt für die Erstellung der Liste der Denkmale Großfahners sowie an Andreas Fleischmann für die Erläuterungen zur Geschichte der Dorfmauer. Herrn Gunter Weiss sei für die Auskünfte zur Geschichte seines Hofes gedankt. Frau Anni Starke versorgte uns mit Zeitzeugen-Informationen zum Gebäude Freiheitsstraße 35/36. Herrn Johann-Wilhelm von Seebach danken wir für seine Erläuterungen zur jüngeren Geschichte der Familie von Seebach.

Der Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Achtung_Rodelbahn

„Bahn frei!“

„Guck mal, was ich gefunden habe, gerade eben beim Aufräumen drüben!“ Da staunt einer nicht schlecht und fühlt sich beim Anblick des verstaubten, handgemalten Schildes augenblicklich in fröhliche Kinder- und Jugendtage zurückversetzt, wenn es auf dem Höch schallte: „Bahn frei!“ und die Rodelschlitten in Scharen den Berg hinuntersausten. Zweier-, Dreier-, ja sogar 10er-Bobs gab es, die es dann aber doch nicht um die Kurve schafften und meist umkippten. Was für ein Gejohle und ein Spaß. Gickelhahn, Kaperfahrten, Sprungschanze und Bande bauen, Hindernisse umfahren, Bahn ausbessern (manchmal über Nacht auch vereisen) und rodeln, rodeln, rodeln bis spät in die Dunkelheit hinein. Dann saßen die erschöpften Schlittenfahrer nur noch da und erzählten und irgendwann zog auch der letzte seinen Schlitten todmüde aber glücklich nach Hause. Bis zum Morgen…

Die „Achtung Rodelbahn“-Schilder wurden an der Kreuzung Lange Gasse – Freiheitsstraße, für die Eingeweihten bei „Seh’se“, befestigt, um Autofahrer vor den Schlittenfahrern zu warnen, die Geschwindigkeit anpassen zu lassen und bei der Fahrt auf den Höch laut und lange zu hupen. Dann sprangen alle auf und machten ihrerseits die Bahn frei. Blieb das Auto auf den letzten Metern stecken, was oft vorkam, schoben die Rodler kräftig an, um ja schnell wieder selbst fahren zu können – bei guten Bedingungen und ausreichend Schwung manchmal bis zum Feuerwehr-Gerätehaus.

Leider – alles – Geschichte, denn die globale Erwärmung ist auch in unseren Breiten immer deutlicher zu spüren. Die Schneetage wurden und werden von Jahr zu Jahr weniger und wenn mal welcher gefallen ist, liegt er meist nur für wenige Tage. Zu wenig und zu kurz für eine fröhliche Schlittenpartie auf dem Höch. Doch nicht nur der Klimawandel bedeutet, neben dem Split, das Aus für die Rodelbahn. Auch die Moderne leistet ihren Beitrag dazu und die vielfältigen Zerstreuungsmöglichkeiten, man denke da nur an Fernsehen, Handy und Internet, lassen die Menschen dem realen Leben 1.0 zunehmend fernbleiben. Schade eigentlich, denn ein ‚echtes‘ Erlebnis ist mit nichts zu ersetzen. Aber vielleicht liegt ja dieses Jahr doch ein bisschen Schnee zum Après-Ski (das gibt es noch nicht so lange) auf dem Höch!

Das im Schutt wiedergefundene Schild erinnert an manche Geschichte und fand jüngst den Weg in unsere Sammlung. Die schönen Archivfotos in Schwarz-Weiß, die bei den Schlittenpartien und Schneeballschlachten entstanden sind, wollen wir Ihnen natürlich auch nicht vorenthalten. Viel Spaß beim Betrachten und Erinnern wünscht

Ihr Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Fotos: Angelika Gänßler und Isolde Münzel.

Wieder einer!

Paul Schröder

Paul Schröder

Der Zufall spielt manchmal eine merkwürdige Rolle. Zwei unterhalten sich über ein Thema und plötzlich fallen Puzzleteile an ihren richtigen Platz. So auch im Jahr 2014, als unsere Ausstellung zum 1. Weltkrieg über die Geschehnisse vor 100 Jahren informierte und viele Besucher nach Großfahner kamen, um sich das Theaterstück „Schatten & Licht – Die Geschichte von zwei jungen Soldaten aus Großfahner im 1. Weltkrieg“ anzusehen. Unter Ihnen war auch Ruth Koppe aus Dachwig und wir kamen ins Gespräch über Ihren Onkel, den im 2. Weltkrieg in Russland vermissten Heeresangehörigen Paul Schröder. Wie es der Zufall wollte, besitzt eine Cousine von Ruth Koppe aus Bad Kissingen auch noch ein vergilbtes Foto ihres seit 1943 vermissten Vaters. Dieses wird nun mit den anderen Fotos der Kriegstoten und Vermissten des 2. Weltkriegs aus Großfahner in der Erinnerungstafel vereint. Vielen Dank für das Foto!

Gruss_aus_Neunzehnhundert

Gruß aus Neunzehnhundert

Dieses Mal war die Heimreise der abgebildeten Ansichtskarte aus Großfahner nicht ganz so weit wie die aus Buenos Aires in Argentinien – sie kam aus Eisenberg. Das Besondere an der Karte ist einerseits die schöne Lithographie und andererseits die Absenderin, die, ganz am linken Rande, als Freifrau Gabriele von Seebach zu erkennen ist. Sie schreibt an die Gräfin Reuttner von Weyl in Achstetten. Gabriele Freifrau von Seebach wurde am 13. Januar 1855 geboren und war mit Friedrich-Tilo von Seebach verheiratet. Sie gehörte der Linie Großfahner Schieferschloss an, welcher kein männlicher Stammhalter beschieden war. So kam das Schieferschloss Großfahner durch die Heirat der einzigen Tochter Brigitte (1889-1947) zunächst an die Familie von Rappardt und später an die Familie von Minigerode. Aus diesem Grund stand das Schieferschloss seit den 20er Jahren des 20. jahrunderts leer oder war vermietet. Die Nachfahren der Linie Großfahner Schieferschloss leben heute unter anderem in der Hansestadt Bremen.

Gabriele von Seebach († 1926) und ihr Mann Friedrich-Tilo, genannt Fritz von Seebach (1852-1934), liegen auf dem Friedhof der Gemeinde in einem Familiengrab an der östlichen Friedhofsmauer begraben. Das eindrucksvolle Grabmal ist im Gegensatz zu den anderen Familiengräbern erhalten geblieben und unten abgebildet. Auch sind hier die Eltern von Friedrich-Tilo, Eduard von Seebach (1806-1869) und Ida von Seebach, geb. Wagner (1818-1889) bestattet. An die Familie von Seebach, die von 1412 bis 1945, also über 500 Jahre in Groß- und Kleinfahner ansässig war, erinnert heute ein Gedenkstein mit einer Bronzetafel auf dem Friedhof von Großfahner.

Das Familiengrab der Linie von Seebach Großfahner Schieferschloss auf dem Friedhof von Großfahner.

Das Familiengrab der Linie von Seebach Großfahner Schieferschloss auf dem Friedhof von Großfahner.

Gedenkstein für die Familie von Seebach auf Groß- und Kleinfahner, 1412-1945, auf dem Friedhof von Großfahner.

Gedenkstein für die Familie von Seebach auf Groß- und Kleinfahner, 1412-1945, auf dem Friedhof von Großfahner.

Salla Blick vomFriedhof

Großfahner am Polarkreis

Zugegeben, die Überschrift dieses Beitrags irritiert etwas, doch das soll sie auch. Was sich dahinter verbirgt, ist eine traurige Geschichte, die, wie sollte es anders sein, mit dem 2. Weltkrieg im Zusammenhang steht. Als das Deutsche Reich unter Adolf Hitler zwischen 1941 und 1945 gegen die Sowjetunion kämpfte, gab es in Finnland zeitweise ebenfalls eine Frontlinie, an der deutsche Wehrmachtssoldaten gemeinsam mit den Finnen gegen Russland kämpften. Diese Frontlinie zog sich über Karelien im Süden und Salla am Polarkreis bis in den hohen Norden.

Doch was hat das alles mit Großfahner zu tun? Es waren auch Fahnersche, die im finnischen Urwald kämpften. Nach den überlieferten Aufzeichnungen, Briefen und Fotos waren Paul Ernst, Hans Abel, Ado Starke und Willy Lehmann im Kampf gegen die Sowjetunion im Norden Finnlands eingesetzt. Paul Ernst fiel am 24. August 1941 bei Salla und liegt seit 1942 auf dem dortigen Sammelfriedhof im russisch-finnischen Grenzgebiet begraben, Feld 378/2, Reihe 6, Grab-Nummer 113, wie die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht auf Anfrage mitteilte. Zugang zum Friedhof nur mit Sondererlaubnis – EU-Außengrenze! Bis vor einigen Jahren noch war der Grenzposten eine Holzhütte mit Schlagbaum. Heute steht dort ein modernes und beeindruckendes Gebäude mit unzähligen Kameras, auf die man selbst im dichten Urwald trifft.

Paul Ernst Februar 1941Paul Ernst (18.09.1919–24.08.1941)

Still ist es auf dem Friedhof, denn Besucher sind hier selten. Meist sind es Rentiere oder neugierige Elche und nur hin und wieder ein paar Menschen. Pauls Name und die seiner vielen Kameraden sind auf Granittafeln graviert und erinnern an die Ereignisse vor nunmehr über 70 Jahren hier oben im finnischen Urwald. Unteroffizier Willy Lehmann schrieb damals einen traurigen Brief an Pauls Mutter, von der er den Auftrag erhielt, sich nach dem Grab ihres Sohnes und seinen Todesumständen zu erkundigen. Wer ihn in den Händen hält, sieht die getrockneten Tränen. Ein schneller Tod durch Kopfschuss aus dem Hinterhalt sei es gewesen und Paul sofort tot. Er hatte nicht mehr leiden müssen wie viele andere. Ob es stimmt, wir wissen es nicht.

Paul war ein junger und lebensfroher Mensch, der sein Leben noch vor sich und Träume hatte. Seine Verlobte Elfriede Schäfer schickte ihm immer Päckchen und Briefe an die Front, meist mit den heißersehnten Zigaretten oder auch mal einer Knackwurst und Kuchen von zu Hause. Der Briefwechsel zwischen seiner Familie und ihm ist erhalten geblieben und wird heute von seiner Schwester Irmgard verwahrt. Es sind dünne Papierseiten, dicht mit Bleistift beschrieben und manchmal schwer zu entziffern. Einige Zeichnungen liegen auch bei. Sie lassen ein Talent erkennen und seine Träume – von Abenteuern im Wilden Westen, Deutschlands Freiheit und Größe, von Daheim, seinem Pferd, den Stationen seiner Reise an die Front – und vom Krieg.

Den beschreibt er in seinen Briefen aber kaum. Zum Ausdruck kommen vor allem die alltäglichen Sorgen, die ständigen Gedanken an die Lieben zu Hause und die hoffentlich baldige und gesunde Heimkehr. Die sollte ihm, wie Millionen anderen Soldaten in diesem Krieg, verwehrt bleiben. Vergessen aber ist Paul Ernst nicht. Er lebt weiter in der Erinnerung seiner Familie und im Gedächtnis der Gemeinde.


Es ist dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu verdanken, dass auch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs die Gräber der Toten gepflegt und die vielen Friedhöfe in Europa und anderswo als Mahnmale gegen den Krieg erhalten werden. Darüber hinaus leistet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. eine umfangreiche und sehr wertvolle Jugendarbeit, die Jugendliche aus vielen Ländern Europas und Russland zusammenbringt, damit diese sich kennen- und von und miteinander, unter anderem auf den besagten Kriegsgräberstätten lernen können. Ein Jugendlager des VDK in Salla / Finnland ermöglichte es dem Autor vor vielen Jahren, die Geschichte von Paul Ernst zu erforschen, den Norden Finnlands zu bereisen und auf verschiedenen Soldatenfriedhöfen in Rovaniemi und Helsinki zu arbeiten – ein Erlebnis, dass man nie vergisst. Danke Jens, Maike, Britta und Hans!

Thomas Daniel

Hier geht’s zur Jugendarbeit des Volksbundes:

www.volksbund.de/jugend-bildung/jugend-und-bildung

Werbekarte_Trachten

Trachten? Das ist doch von gestern!

Können Sie sich noch erinnern, dass Ihre Groß- oder Urgroßeltern zu Feierlichkeiten eine traditionelle Tracht trugen oder haben Sie schon mal eine alte Tracht aus Groß­fahner im Schrank oder in einer Truhe gefunden? Nein? Nun, wir auch nicht und wir wis­sen so gut wie nichts darüber, wie sich die Menschen vor einhundert und mehr Jah­ren im Alltag und zu traditionellen Festen am Fuße der Fahnerschen Höhen klei­deten. Doch uns hat das „Trachten-Virus“ infiziert und wir können nicht anders als er­fahren zu wollen, wie die Tracht der Kirschendörfer früher aussah. Nun könnten Sie sa­gen: „Trachten? Das ist doch von gestern!“ und sicherlich mögen viele unserer Le­se­rinnen und Leser so argumentieren, wenn wir Ihnen mitteilen, dass wir uns als Ver­ein in die­sem Jahr der Erforschung der Tracht in den Fahner Kirschendörfern ver­schrie­ben ha­ben. Antrieb zu diesem volkskundlichen For­schungs­vor­haben erhielten wir unter an­derem durch unseren sehr gut besuchten Kreativ-Markt im vergangenen Sep­tem­ber und die ganz frische Mitgliedschaft im Thüringer Landes­trach­tenverband e.V., dem Dachverband der Thüringer Trachten- und Heimatvereine, dem derzeit mehr als 4500 Mitglieder in ganz Thüringen angehören. Nun sind auch wir dabei und freuen uns sehr, mit der Unterstützung des Verbandes und der an­ge­schlos­senen Vereine die alte Tradition der Tracht in den Fahner-Dörfern wieder zu be­leben, um einen weiteren weißen Fleck auf der bunten Trachtenkarte Thü­rin­gens ein­zufärben. Ob uns dies gelingt, wissen wir noch nicht, doch auf den Ver­such kom­mt es an und der Wille dazu ist da. Nun sind die gut einhundert Jahre, die zwischen der traditionellen Trachtenkleidung und unserer Zeit liegen, nicht ohne Wei­te­res zu über­brücken und es fehlt vor allem an originalen Kleidungstücken. Von alten Foto­gra­fien wie dem obigen Werbemotiv für „Thüringer Kirschen“ aus dem Jahr 1909 wis­sen wir jedoch, dass auch die Kirschendörfer eine Tracht besaßen, die zu Feier­lich­kei­ten und teilweise im Alltag getragen wurde. Wir fangen also klein an und möchten aus die­sem Grund einen Aufruf an unsere Leserinnen und Leser richten: Wir brau­chen Ihre geschätzte Hilfe! Wenn Sie sich für das Thema Tracht und Be­klei­dung be­gei­stern können und uns in unserer selbstgewählten Aufgabe unterstützen möchten, freu­en wir uns über Ihren Beitrag. Wir suchen alte Fotos mit Trachten­mo­tiven aus der Re­gion, originale Kleidungs­stücke, Trachten­schürzen, Blusen, Hosen und als wich­tig­stes Element die Trachten­haube, die damals sehr auffällig gestaltet ge­we­sen zu sein scheint. Wir möchten die Stücke sowohl foto­grafisch als auch zeich­ne­risch do­ku­mentieren und nachbauen lassen, damit wir ein bis zwei Trachtenpaare aus­statten und zu Festen in der Region und darüber hinaus, vielleicht sogar schon zur Eu­ro­pe­a­de im Juli 2016 in Namur (Belgien), entsenden können. Selbstverständlich möch­ten wir auch die Ge­schichte der Tracht in unseren Orten erforschen und do­ku­mentieren. Wir sind überzeugt, dass unsere Aufgabe einen wichtigen Bei­trag zur kulturellen Identität unserer schönen Gegend darstellt. Gerade vor dem Hin­ter­grund der industriellen Verein­heit­li­chung und der wachsenden Globalisierung gilt es heute mehr denn je, die traditionellen Elemente der Re­g­ion zu bewahren und das Be­wusstsein dafür zu stärken. Altbacken oder von gestern ist das also keineswegs, son­dern es ist höchste Zeit dafür. Sind Sie dabei?

Für weitere Informationen steht Ihnen Familie Bülow unter der Telefonnummer 036 206 203 99 oder unsere Email-Adresse: heimat-grossfahner@web.de zur Ver­fü­gung. Unsere For­schungs­er­geb­nisse werden wir von Zeit zu Zeit hier und im Fahner Höhe Kurier veröffentlichen. Zögern Sie nicht und schreiben Sie uns und oder rufen Sie an. Wir freuen uns über jede Hilfe! Sie leisten damit einen wich­tigen Bei­trag zur Geschichtsforschung, der viele Menschen begeistern wird. Ihre Leih­ga­ben erhalten Sie selbstverständlich unbeschadet zurück.

Ihr Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.