Kategorie-Archiv: Geschichte

10 Jahre Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Ein kurzer Rückblick auf unsere Aktivitäten

Am Anfang stand ein Gedanke: „Warum im stillen Kämmerlein die Geschichte studieren, wenn es in Gesellschaft mehr Spaß macht und die Forschungen deutlich schneller voran kommen?“ So fand sich im Jahr 2004 erstmals der Freundeskreis Heimatgeschichte zu­sam­men, der sich der schwierigen Unter­nehmung widmete, die Ortsgeschichte Großfahners und der Umgebung zu erforschen und schriftlich fest­zuhalten. Aus diesem stetig wachsenden Freun­des­kreis ging im Herbst 2005 schließlich der Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V. hervor, mit einer Satzung, einem gewählten Vorstand und der Eintragung in das Ver­einsregister, was vieles leichter machte. Im Lauf der letzten zehn Jahre wurden 34 Mitglieder für den Verein gewonnen, die sich intensiv für den Ort Großfahner, seine Geschichte, das Brauch­tum unserer Region sowie für Kunst- und Kulturhistorisches inte­ressieren.

Wir wollten als Verein aber nicht nur forschen, erkunden und Geschichte schriftlich fest­hal­ten, sondern auch welche machen. So kam es, dass wir bereits im Jahr 2006 ein für unsere Hei­mat bedeut­sames Ereignis unterstützen konnten. Das „BIWAK anno 1806“ auf der Mühle in Kleinfahner war der Erinnerung an den Durchzug napoleonischer Truppen gewidmet, die 200 Jahre zuvor Leid und Elend über die Bevölkerung brachten und hohen materiellen Scha­den an den ersten Pflanzungen des durch Pfarrer Sickler begründeten Obstbaues an­rich­te­ten.

Die Aktivitäten des Vereins für Heimatgeschichte Großfahner e.V. wurden in den folgenden Jahren vielfältig weiterentwickelt. Immer ging und geht es um die Vermittlung von historisch Be­deut­samem, Wissenswertem und auch Kuriosem über Land und Leute. Besondere Höhepunkte der zehnjährigen Vereinsarbeit waren unter anderem drei Handwerksfeste in der Pension „Zum Alten Hauptmann“, die mit verschiedenen Themen, unter anderem zur Mode des vergangenen Jahrhunderts, alte Hand­werks­tech­ni­ken neu aufleben ließen. Neben der Vorführung konnten sich die Besucher an einigen Stän­den auch einmal selbst ausprobieren. Außer der Vermittlung historischen Wissens standen bei diesen Festen immer auch Spaß und Unterhaltung im Mittelpunkt. Es wurde gesungen, musi­ziert und getanzt – auch die Trachtentanzgruppe aus Dachwig trat zu den Hand­werks­festen zweimal auf.

Als im Jahr 2011 unser Heimatort den 1225. Jahrestag seiner urkundlichen Erster­wähnung feierte, beteiligten wir uns an verschiedenen Aktivitäten. Als eigenen Pro­gramm­punkt zur Fest­veranstaltung im Schloss-Gasthof brachten wir ein lustiges Laienspiel auf die Bühne, welches humorvolle Anekdoten aus dem Leben der großfahnerschen Bevölkerung ver­gan­gen­er Zeiten zeigte. Sicher ist vielen noch der „Tiger von der Eschenberger Flur“ oder Otto Bim in guter Erinnerung.

Im Jahr 2013 wurden drei Gebäude des Ortes Ziel der ersten Historischen Führung. Viele Ein­wohner und Gäste nahmen an dieser Veranstaltung teil und tauchten am Ort des Geschehens in die groß­fahnersche Geschichte ein. Der Weg führte dabei von der alten Schule zur Kirche und später zum Gelände des ehemaligen Schlosses der Familie von Seebach. Die Geschichte der Gebäude und viele Informationen aus vergangenen Zeiten wurden realitätsnah dar­ge­stellt. In der Schule plagte sich das arme Dorfschulmeisterlein mit den Gören, die Kirche war selbst in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges nicht vor der Pest und marodierenden Banden sicher und am Schloss berichtete die Dienerschaft über so manche, auch tragische Be­ge­ben­heit aus vergangenen Tagen. Einen besinnlichen Abschluss der Historischen Führung bil­dete das „Lied vom Schloss-Stein“, geschrieben und vorgetragen von Sibyll Plappert.

Sehr viel ernster ging es dagegen im Jahr 2014 zu, denn 100 Jahre 1. Weltkrieg verlangten die Aufarbeitung der Geschehnisse auch in unserem Heimatort. 100 Jahre zuvor waren Millio­nen junge Männer in einen Krieg gezogen, der für Unzählige mit dem Tod in der Frem­de endete und bis heute eine gesamt­gesellschaftliche Narbe hinterlassen hat. Allein aus Groß­fahner fielen 31 Väter, Söhne und Brüder. Zwei junge Freunde aus dieser Zeit, Oswin Schuchardt und Willibald Fleischmann, wurden zu Protagonisten in einem ergreifenden Theaterstück mit dem Titel „Schatten & Licht – Die Geschichte von zwei jungen Soldaten aus Großfahner im 1. Weltkrieg“, welches der Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V. als Schattenspiel im Schloss-Gasthof aufführte und das von vielen Besuchern gesehen wurde. Parallel dazu informierte eine über drei Monate laufende Ausstellung in der Pension „Zum alten Hauptmann“ über die Kriegszeit vom Sommer 1914 bis einschließlich 1919 und die Jahre danach. Die Ausstellung beschäftigte sich mit den Ereignissen in Großfahner und dem Kriegs­geschehen an den fernen Fronten, an dem mehr als 130 Männer aus dem Dorf be­teiligt waren.

Neben diesen großen Festen, Ausstellungen und Aufführungen gab es eine Menge kleinerer Aktivitäten, an denen wir uns direkt oder indirekt beteiligten. Namentlich genannt seien hier die Freilegung der Treppe zum ehemaligen Obergarten auf dem Gelände des heutigen Kindergartens und die Unterstützung zum 50. Geburtstag der Oswin-Schuchardt-Kinder­tages­stätte. In unseren Nachbarorten unterstützten wir die ansässigen Vereine, so zum Bei­spiel beim Feuerwehrfest in Kleinfahner oder beim Landestrachtenfest 2010 in Dachwig. 2013 waren wir zum ersten Mal am Umzug zum „Gothardus-Fest“ in Gotha beteiligt. Auch die Feierstunde zur Erinnerung an die Glockenweihe im Jahre 1925 und die Gründung des Sänger-Chores zu Großfahner 1865 wurde durch eine kleine Ausstellung im Seitenschiff der Kirche und Beiträge aktiv mit­gestaltet. In diesem Zusammenhang konnten wir die im Jahre 2010 mit Unterstützung der Re­gional­stiftung der Kreissparkasse Gotha aufwändig konservierte Originalfahne des Sänger-Chores der interessierten Öffentlichkeit präsentieren.

In den zurückliegenden zehn Jahren haben wir zahlreiche Vereinsexkursionen für die Mitglieder, aber auch für interessierte Gäste durchgeführt. Sie führten uns unter anderem zu historischen Stätten im Jonastal, zur Kanonenbahn in Lengenfeld unterm Stein, nach Erfurt in die Alte Synagoge oder nach Hohenfelden in das sehenswerte Thüringer Freilichtmuseum.

Nicht zu vergessen ist neben all den Aktivitäten unser Internetauftritt, der 2014 zu diesem Blog umgestaltet wurde und immer einen Besuch wert ist. Hier finden Sie aktuelle Berichte und interessante Artikel zu historischen Begebenheiten. Schauen Sie immer mal rein!

Zehn Jahre Vereinsarbeit sind eine kurze Zeit im Vergleich zur Lebenslinie unseres Heimat­ortes. Um die Vereinsarbeit weiter zu vertiefen und uns zukünftig mit anderen Heimat­ver­ein­en auszutauschen, haben wir uns im vergangenen Jahr entschlossen, dem Dachverband der Thüringer Heimat- und Trachtenvereine beizutreten. Im November 2015 wurden wir feierlich in den Thüringer Landestrachtenverband e.V. aufgenommen. Dieser Verband zählt mit über 4500 Mitgliedern zu einem der größten Verbände Thüringens. Er widmet sich, ebenso wie wir, der Pflege der Heimat­ge­schich­te, Mundart, Volkstanz und dem regionalen Brauchtum. In ein­er starken Gemeinschaft geht eben doch vieles leichter von der Hand! Wir freuen uns daher sehr auf unser neues regionalgeschichtliches Forschungsprojekt, welches wir in Zusammenarbeit mit dem Verband durchführen wollen und in Kürze hier bekanntgeben werden.

Wir bleiben auch weiterhin an der Geschichte dran. Bleiben Sie uns treu!

Für den Verein für Heimatgeschichte Großfahner e.V.

Arndt Schmidt

 

Zeichnung_Friedel

Der „FRIEDEL“ aus Großfahner

Die Geschichte der PGH Fahrzeugbau Großfahner und wie alles begann

Von Heinrich Paetow, Eberhard Büchner und Thomas Daniel

In Erinnerung an Walter Paetow, Ilse Moths, verw. Paetow und Huldreich Moths

Er war und ist im ganzen Land bekannt und unter Kennern Kult, der „Friedel“ aus Großfahner. Wer jetzt an eine berühmte Persönlichkeit denkt – weit gefehlt. „Friedel“ heißt der DDR-Campingwohnwagen, der seit den 60er Jahren bis einschließlich 1990 von der PGH Fahrzeugbau Großfahner, dem späteren VEB Campinganhänger Großfahner, gebaut wurde und den Campingurlaub für die Bürger der DDR erschwinglich und populär machte.


AUFGEPASST: FRIEDEL-Treffen 2018 in Großfahner!


Doch um die ganze Geschichte vom „Friedel“ aus Großfahner zu erzählen, müssen wir zunächst ein wenig in der Zeit zurück gehen, lange vor seine Geburt. Wir erinnern uns, dass in Großfahner zwei Schmieden, nämlich die von Hermann Schulz an der Hauptstraße und die von Bernhard Büchner auf der Dachwiger Chaussee existierten. Weiterhin gab es zwei Stellmacherwerkstätten, die mit den Schmieden Hand in Hand arbeiteten und so alle anfallenden Arbeiten vor Ort ausführen konnten.

Einer der Karosserie- und Stellmachermeister war Walter Paetow, der 1930 in der Werkstatt des verstorbenen Stellmachermeisters Robert Degenhardt (1866-1928) seine Arbeit in Großfahner begann. Walter Paetow wurde am 15. Mai 1905 in Garding in der Nähe von St. Peter-Ording geboren und war seit dem 21. Juni 1930 mit Ilse Degen­hardt, der Tochter des Stellmachermeisters Robert Degenhardt und Emma, geb. Götze (1868-1947), aus Großfahner verheiratet. Zusammen hatten sie drei Söhne: Donald (* 1933), Friedrich (*1938) und Heinrich (*1939), die alle in Großfahner geboren wurden.

Walter Paetow (1905-1943)Walter Paetow (1905-1943)

Walter Paetow war ein tüchtiger und sehr begabter Handwerker, der unter anderem aus­ge­feilte Aufbauten für die verschiedensten Auto­mo­bil­­typen herstellte und in seiner Gesellenzeit viel um­her­gereist war. Einige seiner Etappen waren zum Beispiel Goslar, Leipzig und Hamburg. Sein hand­werkliches Geschick zeigen unter anderem viele Fotos von fertigen Fahrzeugaufbauten, die heute gefragte Oldtimer sind. Da er sich nicht mit seiner Schwiegermutter verstand, wechselte er seinen Arbeitsort und fer­tig­te in der Zimmerer­werk­statt Synold in der Sundhaustraße gummibereifte Wagen für Pferde und Trak­to­ren sowie Aufbauten für Automobile an, vis á vis der Schmiede von Bernhard Büch­ner. In der Zeit von 1933 bis 1938 bauten er und seine Frau Ilse schließlich eine neue Werkstatt mit Wohntrakt und Holzschuppen in der Dachwiger Straße auf und ver­lagerten die Fertigung dorthin. Es wurden Maschinen, Anlagen und ein aus­reichender Vorrat an Schnittholz geschaffen, um Herstellung und Re­para­turen rei­bungslos zu ermöglichen.

Firmenstempel Paetow vorm. DegenhardtDer erste Firmenstempel von „Paetow – Karosserie und Wagenbau, Fahrzeug­re­para­tur Groß­fah­ner“. Der Zusatz „vorm. Degen­hardt“ wurde später entfernt.

Walter Paetow sollte jedoch nicht das Glück eines langen, erfüllten Lebens be­schieden sein. Durch einen Unfall brach er sich ein Bein, der offene Bruch ent­zündete sich und wenig später stellte sich Knochentuberkulose ein. Diese Er­krankung machte ihn wehrdienst­un­taug­lich und aus diesem Grund wurde er 1941 aus der Wehrmacht ausgemustert. Die Knochentuberkulose war damals nicht heilbar, sodass Walter Paetow am 26. Juli 1943 in Erfurt verstarb. Er hinterließ seine Frau und die drei Söhne. Nach dem Tod Walter Paetows und bedingt durch den 2. Weltkrieg ruhte die Produktion gummi­bereifter Wagen in der Werkstatt Paetow bis auf kleinere Reparaturen an land­wirt­schaftlichen Fahrzeugen und Ge­rä­ten, die der zum Arbeitseinsatz in Deutschland zwangsverpflichtete Franzose ‚Josef’ in der Kriegszeit bis 1945 erledigte.

Anfang 1946 pachtete die Firma Gahr und Schmidt durch Vermittlung des damaligen Bür­ger­meisters Robert Heß das Be­triebs­ge­lände und führte die Fertigung im Fahr­zeug­bau weiter. Da für den Handwerks­betrieb ein Meister notwendig war, kam Huldreich Moths, der nach dem Krieg auf der Suche nach Arbeit nach Großfahner kam, genau richtig. Eigentlich sollte er, wie viele andere auch, in der SAG Wismut im Uran­bergbau arbeiten, doch das missfiel ihm.

Huldreich Moths (1906-1979)Huldreich Moths (1906-1979)

Huldreich Moths wurde am 3. September 1906 in Altengottern geboren. Seine Eltern wa­ren Alwin Moths und Emma, geb. Schmidt. In Großfahner arbeitete er jedoch nur kurz­zei­tig für die Firma Gahr & Schmidt, da er sehr schnell die Unfähigkeit der Fir­men­inhaber erkannte, sein Arbeits­ver­hält­nis kün­digte und nach Altengottern zurück­kehrte. Die Firma Gahr & Schmidt hatte bald wirtschaftliche Schwierigkeiten, ging 1948 Pleite und hinterließ in der Werkstatt von Ilse Paetow ein ziemliches Chaos. Sie holte Huld­reich Moths, der sich durch sein handwerkliches Können und seine reiche Erfahrung im Flugzeugbau in der Waggonfabrik Gotha auszeichnete, später zurück nach Großfahner, um die Werkstatt ihres verstorbenen Mannes weiter zu betreiben. Sein Arbeitsbeginn bei „Paetow – Karosserie und Wagenbau, Fahr­zeug­re­pa­ratur Großfahner“ ist mit dem 15. Dezember 1948 vermerkt. Huldreich Moths hei­ratete Ilse Paetow am 3. September 1949 und am selben Tag wurde der Karosserie und Wagenbau Paetow in „H. Moths – Stellmachermeister Großfahner“ umbenannt. Der Betrieb wurde saniert und es ging recht schnell aufwärts. Anfangs wurden land­wirtschaftliche Fahrzeuge und Geräte gefertigt und repariert und auch kleinere Sonder­fahrzeuge wie Schäferwagen, PKW-Aufbauten (DKW-F7) und ähnliche Fahr­zeuge repariert und neu gebaut. Da aber im Ort zwei Stellmacher­werkstätten waren, reichte besonders im Winterhalbjahr der Auftragsbestand nicht immer für die Be­schäftigung der Gesellen und des Lehrlings aus. Deshalb wurde im Herbst 1949 auch eine Serie an Rodelschlitten gefertigt, die sich gut verkauften, aber aufgrund der in der DDR geltenden Preisbindung wenig Ertrag brachten. Im Herbst 1950 gastierte der Zirkus ‚Sarani’ in Großfahner und während des Auf­ent­haltes brach die Maul- und Klauenseuche aus. Der Ort wurde unter Quarantäne ge­stellt und aus diesem Grund musste der Zirkus sein Winterquartier hier aufschlagen. In dieser Zeit erhielt die Firma H. Moths den Auftrag, einen Zirkus­wohnwagen einer Ge­ne­ral­re­pa­ra­tur zu unterziehen. Dieser in guter Qualität ausgeführten Reparatur folgten weitere Auf­­träge für den Bau von Zirkuswohnwagen der verschiedensten Zirkusse wie Sa­ra­ni, Hein, Probst, Zentralzirkus und andere. Des Weiteren wurden auch Bau­stellen­wa­gen für verschiedene Abnehmer gefertigt. Im Jahre 1955 wurde ein Werk­statt­an­bau speziell für die Wohnwagenfertigung errichtet, der es er­möglichte, die Wagen kom­plett in der Werkstatt fertigzustellen.

Firmenschild H. MothsFirmenschild von „H. Moths – Wagenbau – Großfahner“

Bereits im Jahr 1953 begann eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Schmied Eber­hard Büchner und der Stellmacherei Huldreich Moths. Er führte dort viele der an­fallen­den Schmiedearbeiten aus. Im Zuge der zwangsweise erfolgenden Ein­glie­de­rung der Landwirte in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), gab es auch einen erheblichen Druck auf die Handwerker, sich zu Produktions­ge­nossen­schaften des Handwerks (PGH) zusammenzuschließen. Deshalb grün­de­ten Huldreich und Ilse Moths, der Tischler Wilhelm Beck, der Schmied Eberhard Büch­ner und die Stellmacher Walter Kosch, Rolf Schwanengel und Kurt Horn am 1. Juni 1960 die PGH Fahrzeugbau Großfahner. Mit der Spezialisierung auf Bau­stellen- und Zirkuswohnwagen flaute jedoch, trotz des Großkunden VEB Zentral­zirkus Berlin, aufgrund einer gewissen Marktsättigung das Geschäft immer mehr ab. Des Weiteren waren die Wohnwagen sehr materialintensiv, wegen der langen Bauzeit auch sehr kostenbindend und bei den für die Meli­ora­tion in Kleinserie ge­fer­tig­ten Fahr­zeugen mit viel Bürokratie bei der Fahr­zeug­abnahme verbunden. Das notwendige Material fehlte häufig an allen Ecken und En­den, vor allem, weil ja trockenes Schnittholz in großen Mengen benötigt wurde. Huld­reich Moths musste sich etwas einfallen lassen.

Ilse und Huldreich MothsIlse und Huldreich Moths im Betrieb.

Beim Besuch einer Camping- und Freizeitmesse in Düsseldorf im Jahre 1960 war ihm bei der Besichtigung der neuesten Entwicklungen auf dem Sektor der Camping­wagen und dem eigenen Bezug zum Camping – seine Frau und er fuhren seit eini­gen Jahren mit einem Klappfix regelmäßig zum Camping an die Ostsee – der Ge­dan­ke gekommen, dass hier ein künftiges Produktionsfeld des Betriebes liegen könnte. An­hand mitgebrachter Prospekte und Fotos wurde durch Huldreich Moths und seine Mit­arbeiter der Prototyp eines Campingwohnwagens gebaut, der den Material­be­schaffungs­möglichkeiten und den technischen Gegebenheiten des Betriebes nahe kam. Sein Stiefsohn Heinrich Paetow erstellte 1963 den Zeichnungs­satz und die Doku­mentation für den Campingwagen zur Vorlage bei der KTA (Kraft­fahrzeug­technische Anstalt der DDR) zur technischen Zulassung des Straßen­fahrzeuges. Der „Friedel“ war geboren!

Erste Kleinserien des Wohnwagens wurden ab 1965 gefertigt und dabei auch an­fäng­liche Schwierigkeiten in der Produktion durch systematische Materialer­pro­bun­gen und die Erarbeitung von Fertigungsstandards behoben. Diese Erprobungs- und Anlaufphase dauerte bis etwa 1967. Bedingt durch die große Nachfrage aus der Be­völkerung und das Interesse der DDR-Führung an dem Wohnwagen, konnte dieser ab 1967 in größerer Serie produziert werden. Aus diesem Grund wurde bereits ab 1965 linksseitig der Dachwiger Straße neben der neuen Schmiede ein weiterer Hallen­bau mit einer Grundfläche von 50 x 20 m für die Fertigung sowie eine Trafo­station errichtet, die über ein Erdkabel mit der Station hinter der Schule verbunden wurde. Alles in mühevoller Eigenleistung, versteht sich.

Durch die fortschreitende Herzerkrankung von Huldreich Moths übernahm ab 1965 Eber­hard Büchner den PGH-Vorsitz. Die Herzerkrankung war wohl unter anderem eine Folge der Repressalien, die Huldreich Moths, Eberhard Büchner und Wilhelm Beck ab 1963 durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erfuhren, wegen, so hieß es damals, fortgesetzter Staatsverleumdung. In der Folge leitete das MfS ein Verfahren ein, welches im Gast- und Logierhaus „Zum Hamster“ in einer Gerichts­verhandlung gipfelte, in der Huldreich Moths zu einer Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Der mit dem gesamten Verfahren ver­bun­dene Ärger und Stress brachten Huldreich Moths und seine engsten Mitarbeiter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Huldreich Moths büßte dadurch viel seines Froh­sinns ein und war seitdem ein anderer Mensch.

Werbefoto_FriedelDer Wohnwagen „Friedel“ aus der PGH Fahrzeugbau Großfahner.

Ab 1970 nahm die PGH mit dem „Friedel“ auch an Messebesuchen in Leipzig teil. Die Nachfrage nahm weiter Fahrt auf und viele Wohnwagen, wer kennt das nicht aus der Vergangenheit, waren schon über Jahre hinaus reserviert. „Nachfragen zwecklos!“, lässt ein kleiner Zeitungsbericht über den „Friedel“ aus Großfahner verlauten. Der Name „Friedel“ leitet sich im Übrigen aus dem Vor- und Zunamen der neben Ilse Moths, verw. Paetow, zweiten Frau im Betrieb ab, Frieda Rommel. Der Name entstand aus einer „Schnapslaune“ heraus, alle fanden ihn gut und so blieb es dabei. Die Produktion des neuen Wohnwagens kam aufgrund der starken Nachfrage bald nicht mehr hinterher und so wurden nach und nach mehr Mitarbeiter eingestellt bis ihre Gesamtzahl auf 33 in der Zeit vor der Wende anwuchs. Pro Jahr war so in Spitzenzeiten eine Produktion von 150 Wohnwagen möglich, die jedoch selten erreicht wurde. Engpässe bei den Zulieferern erschwerten oft die Herstellung, sodass die Beschaffung der Einzelteile manches Mal abenteuerlich anmutete. Vor allem das Plexiglas für die Fenster war ein Schwachpunkt. War keines da, ruhte die Produktion zwangsweise. Dann wurde ein Transport losgeschickt, der die 2,50 x 1,50 Meter großen Platten aus dem Stickstoffwerk Piesteritz holen musste, bis zu viermal im Jahr. Eigentlich wurden nahezu alle Teile für den „Friedel“ in aufwändiger Handarbeit und auf eigenen Maschinen in Großfahner hergestellt. Das Rohmaterial für das Fahrgestell kam meist verrostet an und musste erst einmal entrostet werden. Dazu bauten die findigen Mitarbeiter eine Schleiftrommel, in der das Material in Rotation gebracht wurde und die Teile sich gegenseitig entrosteten. Man kann sich in etwa vorstellen, welch einen Lärm die Schleiftrommel machte. Versuche mit Kies als Schleifmittel wurden auch gemacht, doch der wurde zu schnell zu Staub zermahlen, sodass beim Öffnen der Trommel jedes Mal eine große Staubwolke entwich. Diese Versuche wurden wieder aufgegeben und man beließ es bei den Stahlteilen, was eigentlich auch ganz gut funktionierte. Die Einzelteile für die Fahrgestelle wurden vor Ort abgekantet, zugeschnitten und verschweißt. Als Korrosionsschutz diente eine Lage Rostschutzfarbe und der graue bzw. silbergraue Lackanstrich. So war der Bau von bis zu vier Fahrgestellen pro Tag möglich. Die Arbeitsschutz­maßnahmen waren zu dieser Zeit jedoch noch nicht ausgereift und so manche Arbeit eine reine Schin­derei mit viel Schmutz und gesundheits­schädlichen Abgasen. Besonders Polierer und Lackierer hatten unter der Staub- und Dämpfebelastung zu leiden, sodass sie gesundheitliche Schäden davon trugen. Besser hatten es da die Polsterer und Tischler, die in ihren Werkstätten arbeiteten und die jeweiligen Komponenten fertigten, die dann in der Montagehalle verbaut wurden. Der alte „Friedel“ kostete ab Werk inklusive Akzise von 1000 MDN insgesamt 10.500 MDN. Der Preis änderte sich jedoch mehrfach und lag zuletzt für die neue Ausführung aus Sandwichplatten mit PU-Schaumfüllung bei 23.000 Mark. Die alte „Nur-Blech-Version“ war aber besser, da diese nach einen Unfall einfach mit dem Hammer ausgebeult und neu lackiert werden konnte. Mit den Sandwich-Platten ging das nicht mehr. Diese konnten auch oft nicht hinreichend gut verbunden werden und so gab es immer wieder Probleme mit Undichtigkeiten wegen Wasser. Jedes Material hatte so seine Vor- und Nachteile. Der Wohnwagen selbst war sehr einfach gebaut und besaß keine Sonder­aus­stattun­gen – ein Kleiderschrank, Spüle, Gaskocher mit außenliegender Gasflasche über der Deich­sel, zwei Sitzbänke, die bei Bedarf in die Schlafmöglichkeit ungewandelt wer­den konnten und ein Klapptisch waren der ganze „Komfort“. Doch was brauchte der Campingurlauber mehr? Ein Vorzelt gab es auch, welches von einer Zulieferfirma in Olbernhau im Erzgebirge und später in Arnstadt hergestellt wurde und damals 1000 Mark kostete. Der Urlaub mit dem „Friedel“ war fernab von heutigem Luxus, bedeutete aber für die damalige Zeit einen großen Fortschritt.

Am 1. April 1972 kam es schließlich zum Umwandlung der PGH in den VEB (Volkseigener Betrieb) Cam­ping­­anhänger Großfahner. Hans Zenkner, der ab 1967 von Eberhard Büchner den PGH-Vorsitz übernommen hatte, verließ das Unternehmen 1978 und als sein Nachfolger übernahm Anatol Lütz aus der LPG-Landtechnik die Leitung des Be­triebes. Der gehörte dann von 1985 bis 1986 dem Betrieb Autozubehör Erfurt-Mar­bach und später dem Kombinat Stapler-Instandsetzung Döllstädt im Maschinen­bau­kombinat Friemar an, welches von Roland Sauerbier, dem späteren Firmengründer von FABE, geleitet wurde. Huldreich Moths, der die PGH Fahrzeugbau mit seinen Mitarbeitern und viel Herzblut aufgebaut hat, verstarb am 14. Februar 1979 im Altenheim in Döllstädt, wenige Monate nachdem seine Frau Ilse am 15. November 1978 in Erfurt durch Komplikationen nach einer Operation gestorben war. Wer die beiden kannte weiß zu berichten, dass sie Leistung forderten aber auch für das Wohl der Angestellten sorgten und in Großfahner bekannt und beliebt waren. So kommt es, dass der Name Moths auch heute noch vielen älteren Großfahnerschen ein wohl­klingender Begriff ist. Da das Grundstück der PGH nach dem Tod von Huldreich Moths an die Söhne vererbt wurde, entschlossen sich die Gebrüder Paetow im Jahr 1980 zum Verkauf desselben an den VEB Camping­anhänger Großfahner, weil Instandhaltungskosten und Mieteinnahmen nicht im wirtschaftlichen Verhältnis zu­einander gestanden hätten.

Im Jahr 1990 wurde die Produktion von Campingwohnwagen aufgrund des rapiden Zusammenbruchs der Nachfrage schrittweise eingestellt, sodass in diesem Jahr der letzte „Friedel“ aus Großfahner das Werk verließ. Die letzten Exemplare wurden für 7000 Mark Ost verkauft und einige Mitarbeiter leisteten sich so einen eigenhändig gebauten Wohnwagen. Insgesamt beläuft sich seine Produktionszahl auf um die 1000 Stück und manch einer schlummert noch heute in einer Garage oder Scheune vor sich hin. Um die Beschäftigung der Mitarbeiter in der turbulenten Wendezeit zu gewährleisten, fertigte der VEB zwischenzeitlich Brennholzkreissägen, Hobel­ma­schi­nen und Abrichten für den VEB Aufzugsbau Nordhausen. Die Produktion wurde schließ­lich mit dem 14. September 1990 auf Metallbearbeitung und Pulver­farb­be­schichtung umgestellt und so ging der VEB Campinganhänger Großfahner in die Firma FABE über, die von Roland Sauerbier aufgebaut wurde. Die Firma „Fabé – Best for Metal“ ist heute einer der größten Arbeitgeber im Ort, der Bau von Wohnwagen aber für immer Geschichte.

Der „Friedel“ aus Großfahner erfreut sich aufgrund seiner soliden und geradlinigen Bauweise auch heute noch sehr großer Beliebtheit unter den Camping-Enthusiasten und ist inzwischen zur Legende geworden. Einer ist sogar im Erwin-Hymer-Museum in Bad Waldsee in Baden-Württemberg zu sehen.

Abkürzungen und Worterklärungen:

Akzise – indirekte Steuer, Binnenzoll, im Kaufpreis enthalten.

MDN – Mark der Deutschen Notenbank

Den gesamten Text mit den Fotos finden Sie hier als pdf zum Download sowie unten weitere Fotos, Werbeprospekte und die Bedienungsanleitung zum „Friedel“, sämtlich zur Verfügung gestellt von Herrn Heinrich Paetow, Eisenach.

Werbeprospekt Friedel rot

Werbeprospekt Friedel blau

Bedienungsanleitung Friedel EW 500-3

Zeitungsartikel_Das_Volk_1974_1100_Jahre_Fahner-Dörfer


Kopie von 100_7960

Uhlich’s Stein

Viele wissen, dass es ihn gibt, doch kaum einer weiß genau, wo er sich befindet und warum er da ist: der Uhlich-Stein. Mit dem stummen Zeugen, gehauen aus Seeberger Sandstein,  ist eine tragische Geschichte verbunden, über die leider nicht mehr allzuviel bekannt ist.

Das verewigte Datum, der 16. November 1839, ist das Todesdatum des vielgeachteten und beliebt gewesenen Rittergutspächters zu Großfahner Heinrich Uhlich. Dieser ist auf einer Jagd im fahnerschen Wald auf „entsetzliche Weise“ ums Leben gekommen. Mündlichen Überlieferungen zufolge, stellte der Pächter Wilderer auf frischer Tat und bezahlte dafür mit dem Leben.

Den Uhlich-Stein, vielfach auch Uli-Stein genannt, zu finden ist schwer, wenn man sich im Wald nicht gut auskennt. Auch eine Wegbeschreibung nutzt da nicht viel. Aber vielleicht ist es auch besser so, dass er tief im Wald verborgen steht.

Die Todesanzeige von Heinrich Uhlich erschien in der Nr. 233 der Gothaischen Zeitung vom 21. November 1839.

Todesanzeige

Todesanzeige für Heinrich Uhlich vom 21. November 1839, Gothaische Zeitung, Nr. 233. Thüringisches Staatsarchiv Gotha.

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Ein alter Flickenteppich

Schaut man sich diese alte Luftaufnahme der fahnerschen Flur aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal genauer an, so stellt man fest, dass die Felder und Wiesen wie ein bunter Flickenteppich um das Dorf „gewebt“ sind. Streifen um Streifen, meist in privater Bewirtschaftung, eine andere Kultur oder Frucht. Diese Diversität ist bemerkenswert und zählte doch früher zum Alltäglichen. Sie ermöglichte eine abwechslungsreiche Fruchtfolge und bot auch der wilden Flora und Fauna zahlreiche Nischen, sodass sich viele Arten erfolgreich halten konnten.

Dieses Bild sieht heute anders aus. Die kleinen „Hemdsärmel“, wie man die zum Teil winzigen Anbauflächen hier salopp bezeichnet(e), wichen, bedingt durch den agrarischen Strukturwandel in der DDR, großen Monokulturen, die effizienter und schneller bewirtschaftet werden konnten und können. Die Folgen sind eine massive Ertragssteigerung und sinkende Preise für den Endverbraucher. Nachteilig wirkte sich die Zusammenlegung der Flächen jedoch vor allem für die heimische Tier- und Pflanzenwelt aus, denn mit dem Wegfall der abwechslungsreichen Felderwirtschaft gingen auch deren Rückzugsräume immer weiter verloren.

Doch zurück zu unserem Foto. Es zeigt für Ortskundige auch, dass Großfahner vor nicht ganz 100 Jahren nur etwa halb so groß war wie heute. Die Sundhausstraße gab es zwar schon, doch sie war noch nicht bebaut. Auch die Dachwiger Chaussee ist nur zur Hälfte mit Häusern bestanden. Genausowenig gibt es die Gartenstraße, denn dort erstreckte sich früher der Schlossgarten, weshalb sie auch so heißt wie sie heißt. Noch nicht einmal der große Schenksaal am Schlossgasthof war gebaut, denn der wurde erst in den 30er Jahren errichtet. Wendet man den Blick nach Süden, so erkennt man am „Hasenacker“ auch noch die Wohnhäuser bei der alten Windmühle und den Windmühlenhügel. Die fahnersche Bockwindmühle stand bis 1913 mit ungefähr 50 Metern Abstand in Rufweite von der Gierstädter Mühle entfernt an der Gemarkungsgrenze. Was neben der Mühle und vielen alten Scheunen heute ebenfalls nicht mehr existiert, sind die weitläufige Gutsanlage und die beiden Schlösser der Familie von Seebach, die in der Mitte des Ortes die Ansicht Großfahners prägten. Dem Betrachter bot sich also früher ein völlig anderes Bild des Dorfes als heute. Hätten Sie’s erkannt?

Übrigens: Das Foto entstand mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahr 1927, als im Sundhausgarten ca. 300 m nordöstlich der Kirche bedeutende Ausgrabungen aus der Zeit der Völkerwanderung gemacht wurden. Leider konnten die Bestattungen (13 Körper- und ein Pferdegrab) nach HUCK (1999) nicht sachgerecht ausgegraben werden, so daß nicht alle Fundstücke und nur sehr geringe Informationen über die Befunde erhalten sind.

Foto: TLD Thüringen. Copyright und zur Verfügung gestellt vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. TI638B10.

Literatur:

HUCK, T. (1999): Die Besiedelung des Gebietes um die Fahnersche Höhe in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. In: Zur Natur und Geschichte der Fahner Höhe, Naturschutzbund Deutschland, Kreisverband Gotha e.V. (Hrsg. ), Armstroff design, Gotha.

Kriegswirren an der Fahner Höhe 1806-1813

Der Autor und Pfarrer zu Kleinfahner, Johann Volkmar Sickler (1741-1820)

Der Autor und Pfarrer zu Kleinfahner, Johann Volkmar Sickler (1741-1820). Porträt aus den Pomologischen Monatsheften.

Wir geben hier einen Text wieder, der Nachricht über die militärischen Ereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Fahnerdörfern gibt und somit ein lokalhistorisch bedeutendes Dokument seiner Zeit darstellt. Er erschien in Teilen in den „Heimatglocken – Evangelisches Gemeindeblatt für die Kirchgemeinden Großfahner und Kleinfahner mit Witterda“ im Dezember 1936 (Ausgabe Jahrgang 4. / Nr. 6), im Januar / März 1937 (Ausgabe Jahrgang 5. / Nr.1), April / Mai (Ausgabe Nr. 5./2), Juni / Juli (Ausgabe Nr. 5/3) und August / September 1937 (Ausgabe Nr. 5/4).


Vorwort von Pfarrer Artur Meng, Großfahner, 1936.

Im „Schwarzen Buch“ von Kleinfahner gibt Pfarrer Johann Volkmar Sickler (* 17. Januar 1741 in Günthersleben – † 31. März 1820 in Kleinfahner) einen anschau­lichen Bericht über die Erlebnisse in jenen Jahren. Vieles davon ist schon bekannt. Doch bin ich (Pfarrer Artur Meng) schon öfters gebeten worden, diesen Bericht im Zusammenhang abzu­drucken. Unter geringen Fortlassungen soll dies im Folgenden geschehen, in unsere heutige Schreib­weise über­tragen.


Die sogenannte französische Revolution, die so traurig seit ihrem Anfang in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts für viele Länder und Völker gewesen ist, hatte sie doch unseren sächsischen thüringischen Ländern noch wenig geschadet; allein das Unglück rückte uns in dem Jahr 1805 näher und 1806 traf es uns und die benachbarten Örter ziemlich hart.

Der damals noch vorhandene römische Kaiser aus dem Hause Österreich (Franz II.) hatte seinen großen Länderverlust an Frankreich noch nicht verschmerzen können, er fing daher mit Frankreich einen neuen Krieg an, das damals unter der Herrschaft Napoleon Bonaparte, der sich zum französischen Kaiser erhoben hatte, und groß und mächtig war. Er machte den Anfang damit, dass er den damaligen noch seienden Kurfürsten von Bayern, einen Verbündeten Frankreichs, mit Truppen überzog und damit das Land besetzte und bis in Schwaben vordrang. Auf einmal war der französische Kaiser, der sich damals mit einem Einfall in England in Bordeaux zu beschäftigen schien, mit einer sehr großen Armee in Schwaben und fing seine Feldschlacht mit Österreich bei Ulm an, erfocht einen Sieg nach dem anderen bis zum letzten bei Austerlitz, ob sich auch schon ein Teil Russen mit den Österreichern vereinigt hatten, die ihn aber nicht aufhalten konnten.

Schon vorher, man weiß nicht warum, hatte Preußen ein großes Heer versammelt und sich mit demselben unter dem Fürsten Hohenlohe und dem General Ruchel in unsere Gegend gezogen, in der alle Dörfer dichtvoll mit Soldaten belegt waren. Erster hatte sein Hauptquartier in Erfurt, der zweite in Gotha. Schon 14 Tage nach Michaelis 1805 waren Teile der Dörfer um Gotha mit preußischen Truppen besetzt, wir aber erhielten erst hier die ersten am 1. Advent, und zwar Reiterei von dem Kürassierregiment von Henkel, das in Breslau in Schlesien gestanden hatte. In der Pfarrwohnung zog ein Leutnant mit zwei Pferden und einem Bedienten ein, sein Name hieß Herr von Lüttwitz. Diese aber blieben 14 Tage hier liegen und wechselten dann mit Infanterie des Regiments Renard ab, von welcher ein Hauptmann von Diskau und Leutnant von Delitsch in die Pfarre ins Quartier gelegt wurde nebst 5 Bedienten und 4 Pferden. Ein Glück war es, dass sie nur 3 Tage hier blieben, denn sie ließen es sich ziemlich wohl bei mir sein. Nachdem sie abgegangen, so zogen wieder andere ein und von diesen erhielt ich einen Fähnrich, der ganze 6 Wochen mit einem Bedienten und einem Pferde bei mir lag. Hierauf zogen sie, nachdem wir hier die Herren Preußen 9 Wochen in den Winterquartieren gehabt hatten, wieder ab und in ihr Land zurück; denn nach der Schlacht bei Austerlitz, die indessen erfolgt war, wurde Frieden, und niemand wusste, was die Preußen gewollt hatten. Man sagte sich einander nur ins Ohr: Wenn der Kaiser Napoleon bei Austerlitz die Schlacht würde verloren gehabt haben, so würde Preußen ihm in den Rücken gefallen sein und ihn zu unterdrücken geholfen haben.

Nun blieb es ruhig bis 1806 im September, wo Preußen Frankreich einen Krieg, wie es hieß, deswegen angekündigt hatte, weil es seine Truppen nicht von deutschem Grund und Boden wegziehen wollte, und erschien mit vielen Truppen auch wieder in unserer Gegend, die immer hin und her zogen und oft schnell und kurz einquartiert wurden. Am 10. Oktober erhielten wir hier deren gleichfalls eine große Menge ganz unvermutet. Ich bekam 2 Leutnants, einen Herren von Blumenthal und von Eckardsheim, mit 5 Personen und 14 Pferden, die alle zur Equipage der beiden Leutnants und ihrer sie bedienenden Leute und Dragoner gehörten. Wie die Preußen überhaupt gewohnt waren, viel von ihren Taten, die sie getan hatten und noch tun wollten, zu sprechen, so redeten auch die beiden Herren Leutnants, bis sie im Bette waren, wie sie in wenigen Tagen die Franzosen würden geklopft haben, und eben an diesem Freitag waren die Preußen schon bei Saalfeld von den Franzosen geklopft, wo der Prinz Louis von Preußen geblieben war.

Sie marschierten Sonnabend nach Erfurt über Bienstädt ab, und nun hörte man weiter nichts mehr von Soldaten bis den 14. dieses Monats. Man war nun in der bängsten Erwartung bis zu eben diesem Tage, an welchem wir unsre Kirmse feierten. Kaum war die Kirche aus, als viele Menschen zum Tor hinaus und zum Kirchberg liefen, auf welchem man nach Jena zu sie sehr stark schießen hörte. Ich ging gleichfalls auf denselben, um mich zu überzeugen, und hörte noch außer den Kanonen das Feuer aus den kleinen Gewehren. Indem ich mit vielen Gemeindegliedern so dastand und nach jener Gegend traurig hinsah, wurde ich auf der Straße nach Erfurt, die durch unsere Flur geht, eine Kutsche mit 6 Pferden bespannt, gewahr. Um ihr und auf beiden Seiten, hinten und vorn, sah ich Reiter, deren gezogene Schwerter ihren Glanz bis zu uns her warfen. Ich vermutete, dass dies die fliehende Königin von Preußen sein möchte, von der ich wusste, dass sie sich bei ihrem Gemahl in Erfurt und zuletzt in Weimar aufgehalten hatte; und wirklich war sie es gewesen, wie ich nachmittags von Großfahner aus erfuhr, wo sie, ihr Schnupftuch vor die Augen haltend, nur so lange hatte anhalten lassen, bis ihr ein Glas frischer Brunnen zum Trinken hatte gereicht werden können, und hatte dann schnell ihren Weg über Langensalza fortgesetzt.

Ich konnte meinen um mich stehenden Beichtkindern keinen anderen Trost geben als den sehr traurigen, dass sie dort die Königin von Preußen, so jung und schön, fliehen sähen und die Schlacht für die Preußen verloren sein müsste.

Der Nachmittag ging traurig vorüber, und es wurde an keine Kirmselustbarkeit gedacht, und der Abend kam unter eben diesen Umständen an, ohne dass man weiter etwas sah oder hörte. Meine Frau und Kinder gingen zur Veränderung ein wenig auf den adl. Hof zum Pächter Zangemeister, und ich blieb auf meiner Studierstube.

Gegen 9 Uhr kam meine Magd Sophie Carl aus der unteren Stube herauf und meldete mir, dass sie am Fenster ein großes Lärmen im Felde höre, auch mitunter Licht wahrnehme. Ich ging an das Saalfenster und sah und hörte es gleichfalls. Im Orte hatten sich vermutlich die meisten Einwohner aus Kummer und Angst ins Bette gelegt, denn ich sah kein Licht in der ganzen Gasse. Ich ließ also wecken und erinnern, man möchte auf seiner Hut sein, die Uhr stille stehen, damit es nicht schlüge, und die Hunde einsperren, damit sie nicht belleten und man höre, dass in der Nähe ein Dorf sei. Als die Meinigen auch nach Hause kamen, so ging mein Sohn, der Arzt, der eben von Gotha her mich zu besuchen gekommen war, mit einigen Personen nach der Erfurtischen Straße hin, wo der Lärm am größten war, und indem er sich so nahe geschlichen, als er in der Dunkelheit konnte, so hatte er bemerkt, dass es nur Fuhrwerk war, da von der Armee der Preußen zu retirieren angefangen hatte, und bestimmt erfahren, dass sie bei Jena geschlagen worden waren. Wie es endlich Tag geworden war, so hatte sich alles verstärkt; es kamen nun auch Soldaten zu Fuß und zu Pferde, verwundete und gesunde, und alles ging in schnellster Eile in zwei, drei Zügen nebeneinander in der Straße fort. Es war erbärmlich anzusehen, denn ich hatte mich gegen 8 Uhr hinausgewagt und Erkundigung von ihnen einziehen wollen, aber man antwortete mir kaum.

Als ich wieder 10 Uhr nach Hause kam, fand ich einen anderen Zug, aber nur von Soldaten zu Fuß und zu Pferde und Packpferden, von Erfurt über Töttelstädt herab durch den hiesigen Ort ziehen und zum Teil sich einquartieren in die Häuser, wo und wieviel sie konnten, manche mit Vorsatz zu plündern, was ihnen wohl der nachsetzende Feind nicht zuließ. Essen und Trinken musste ihnen aber gegeben werden, und das gab man auch gerne.

Ich fand mein Haus voll und meistenteils von den Bedienten mit einigen Packpferden der Offiziere, die ich im Quartier gehabt hatte. Dieser Zug machte auch Anstalt, durch den Garten und das Haus einzubrechen und hatte zu dem Ende die Staketen niedergelegt, das ich aber durch meine Erscheinung im Garten verhinderte.

Nach 1 Uhr hörten die Durchzüge der Flüchtigen auf, es waren aber noch viele zurückgeblieben und hatten sich in den Häusern, Scheunen und Ställen versteckt, und nun aßen wir etwas in voller Angst und verschlossen unsere Türe am Hause und im Hofe. Auf einmal hörten wir das Geschrei von laufenden Einwohnern: Jetzt kommen sie! Jetzt kommen die Franzosen von der Windmühle her! Ich sah zum Saalfenster hinaus und wurde 10-20 Chasseurs gewahr, die angesprengt kamen, ihre Augen von Ferne schon auf die Pfarrwohnung richtend und, nachdem sie näher kamen, rufend: Geld! Geld! – das einzige Wort so sie deutsch deutlich auszusprechen wussten.

Da sie sich alle unter dem Fenster versammelten und mit großem Lärmen jene Worte wiederholten, so wagte ich es endlich und ging hinunter in die große Stube und sagte ihnen zum Fenster hinaus, dass ich kein Geld hätte. Sie schlugen also ihre Gewehre auf mich an und einer hieb das Fenster ein. Hierauf hieß ich sie ruhig sein und versprach, ihnen welches zu suchen, holte, was ich hatte, und fing an auszuteilen. Nachdem ich ihnen ungefähr 40 Thaler in kl. Stücken ausgeteilt hatte, so sagte ich ihnen abermals, dass ich nun keins mehr hätte. Da ging der Lärm aufs neue an. Ich gab ihnen also, was ich noch in einem seidenen Beutel hatte, zusammen über 80 Thlr. Sie kamen einer nach dem anderen unter das Fenster geritten und empfingen es wie die Jungen, die das Neujahr singen. Als ich ihnen nun keins mehr geben konnte, sprangen 5-6 von ihren Pferden und stießen mit ihren Karabinern in die Haustür, um sie aufzusprengen. Ich rief ihnen zu, sie sollten es sein lassen, ich wollte ihnen aufmachen, ich tat es, gleich fielen 4-5 mit aufgehobenen Säbeln über mich her und wollten mich niederhauen, wenn ich ihnen nicht noch 30 Louis d’or gäbe. Diese Wut brachte mich auch beinah zur Verzweiflung, dass ich ihnen in einem stärkeren Ton antwortete, dass ich ihnen gegeben, was ich gehabt hätte, ich hätte weiter nichts als mein Leben; wollten sie das, so sollten sie zuhauen. Bisher hätte ich geglaubt, die Franzosen wären brave Krieger; sollte ich dieses fortglauben, so möchten sie mich nicht misshandeln. Unter diesen Reden hatte ich bemerkt, dass einer von ihnen beiseite stand und sich so ganz still betrug, vielleicht ein Unteroffizier sei. Ich wendete mich also an diesen und sagte, ich hielte ihn für einen raisonablen Mann, er möchte mich gegen seine Kameraden in Schutz nehmen. Er antwortete mir zwar nichts darauf, aber ein Wink machte seine Kameraden mäßiger in ihren Forderungen. So stimmten sie auf 10 herab, dann auf einen und endlich auf Wein. Da ich ihnen sagte, dass ich keinen habe, so forderten sie Branntwein. Ich gab ihnen daher eine Bouteille in Vorrat habenden Kirmsebranntwein zum Besten. Unterdessen er im Keller geholt wurde, wurde friedlicher gesprochen, und ich demonstrierte ihnen, dass wir keine Kursachsen wären, die Truppen bei der preußischen Armee hatten, und also nichts feindliches gegen sie unternommen hätten, folglich noch ihre Freunde wären. Nun fingen sie an, vertraulicher zu werden, tranken ihren Branntwein, schwangen sich aufs Pferd und ritten weiter ins Dorf. Der Gute tummelte noch sein Pferd ein paar Mal vor der Pfarre herum, kam an die Treppe zurückgeritten, reichte mir die Hand und nahm freundlichen Abschied.

1. Fortsetzung

Eben da dieser fort war, sprengte ein Trupp andere mit Geschrei und vorgehaltenem Säbel heran. Ich ließ geschwind meine Haustüre zumachen und blieb in der Gasse, wo ich Abschied von ihnen genommen hatte, stehen. Der erste sprang heran, als wolle er mich über den Haufen reiten und konnte kaum sein Pferd, als es vor mir stand, zurückhalten. Als er seine Forderung nach Geld wiederholte, sagte ich ihm: Das Geld hätten mir jene abgenommen, wie er noch würde gesehen haben. Nachdem der ganze Trupp mit gezogenen Schwertern sich um mich versammelt hatte, so wurde ich gefragt, wer ich wäre. Ich sagte ihnen solches, und da ich mich in ihrer Sprache mit ihnen auch verständigen konnte, so waren sie sehr zufrieden.

Weil mich mein Nachbar gegenüber, der Gerichtsschöppe Kolbe, so friedlich mit ihnen unterhalten sah, so kam er herzu, aber gleich forderten sie von ihm Geld und Branntwein. Er lief an des Herrn Schullehrers Fenster, der sich hinter den Vorhängen zurückhielt, und forderte Branntwein von ihm für die Chausseurs. Darüber erhielt er mit der flachen Säbelklinge einige Hiebe auf den Rücken, nach welchen er auf einmal verschwand, und nun ging alles über den Schulmeister her, der die Haustür öffnete und vermutlich zu mir treten wollte. Es hieb aber einer nach ihm, dass er zurücksprang und die Tür wieder zuschlug. Seine Mutter aber kam zur Hoftür heraus und holte eine Bouteille Branntwein auf dem adl. Hofe. Während dieser Zeit hatten mich die Chausseurs in der Mitte und sprachen mit mir über allerhand. Einer von ihnen, dessen Pferd sehr unruhig war, ließ aus seinem Mantel, den er in der Mitte des Leibes umgürtet hatte, einen schweren großen silbernen Esslöffel fallen, den ich ihm wieder aufheben musste und er wieder an den vorigen Ort steckte, wo ich aus dem Gerassel hören konnte, wenn das Pferd sprang, dass noch viel dergleichen Ware daselbst vorhanden war. (Nachdem sie sich noch mehrmals mit Branntwein hatten versorgen lassen, ritten sie fort.)

Die Einwohner waren fast alle ins Holz geflüchtet, und kein Mensch mehr im Orte als ich, der Pächter und der Schulmeister. Über alle diese Begebenheiten war es Nacht geworden. Ich setzte mich mit meinem Freund Bertuch, der sich beständig innen gehalten hatte, bekümmert nieder, um ein wenig Nachtbrot zu essen, was ohngefähr gegen 8 Uhr geschah. Auf einmal hörten wir ein großes Pferdegetrappel. Ich lief ans Saalfenster, konnte aber wegen der Dunkelheit des Nachts nichts erkennen, und ich erfuhr einen Augenblick nachher, dass es zwei Eskadrons preuß. Reiter waren, von welchen ich 2 Leutnants und 8 Reiter ins Quartier bekam. Mein Freund meinte, dieses wäre ein sehr gutes Ereignis; ich hielt es aber für ein sehr böses. Denn es waren die heutigen Chasseurs vor ihnen, und in Witterda waren, wie ich wusste, auch Franzosen. Sie konnten Nachricht davon erhalten und in der Nacht sie hier angreifen. Die Preußen hatten sich von Erfurt aus hierher verirrt und waren über Töttelstädt zu uns herabgekommen. Sie waren erstaunt furchtsam, so dass auch die Offiziere durch den Wachtmeister keinen Reiter bewegen konnten, vor dem Tore wache zu halten. Die Offiziere nahmen kein Bett, sondern legten sich mit den Reitern auf die Streu, die ich für alle in der kleinen Stube musste machen lassen, und befahlen, den anderen Morgen punkt 2 Uhr geweckt zu sein. Da ich dieses keinem von meinem Gesinde überlassen konnte, so blieb ich selbst auf und ging mit dem Glockenschlag 2 hinab. Als ich sie fest schlafend und schnarchend antraf und daher mit einer etwas starken Stimme rufen musste: Meine Herren, es hat 2 geschlagen!, so standen gleich die Reiter, große lange Männer, wie von einer Stahlfeder in die Höhe geschnellt, vor mir auf den Beinen. Sie fütterten, aßen das Morgenbrot und ritten 5 Uhr, da es kaum Morgen wollte, nach Fahnern zu fort. In Fahnern hatten sie nur unsere Chasseurs des vorigen Tages angetroffen und einige erschossen und die anderen zersprengt, sich aber nicht lange damit aufgehalten.

Einige preußische Infanteristen, die bei dem gestrigen Rückzug in die Häuser gedrungen und sich zu essen und zu trinken hatten geben lassen, waren in dieser Nacht selbst ihren einquartierten Kameraden, den Reitern, unbemerkt geblieben, und waren erst diesen folgenden Tag durch das Holz entwichen. Sechs bis acht, die sich gestern noch bei Andreas Schierschmidt befunden hatten, als die Chasseurs angesprengt kamen und einer von ihnen vor diesem Hause erscheint, waren herausgetreten, ihre Gewehre nach Soldatenbrauch niedergelegt und hatten sich zu Gefangenen ergeben wollen. Allein der Franzos, der sie einst hatte haben wollen, war fortgeritten, und sie waren sachte durchs Holz entwichen.

2. Fortsetzung

Dieses war jedoch noch nicht alles, was wir bei der preußischen Retirade erfahren sollten; das Schlimmste stand uns noch bevor. Den dritten Kirmsetag oder den Donnerstag war es ganz ruhig bis nach 3 Uhr und man vermutete, dass alles vorüber sei; nur war es aber nicht so. Ich hatte daher gleich früh einen Boten mit einem Brief nach Gotha an den damaligen Herrn Regierungsrat von Seebach, ältesten Sohn des Herrn Domprobstes v. S., gesandt, ihm gemeldet, wie es hier zugegangen wäre und um Schutz gebeten. Der Bote war kaum zurück, als die Leute abermals von der Windmühle gelaufen kamen und neue Züge von Franzosen zu Fuß von Witterda her ankündigten. Alles floh wieder ins Holz. Ich verriegelte meine Tür und erwartete sie am Fenster. Es waren leichte Truppen, die man damals Voltigeurs nannte; wirklich kamen sie auch unordentlich durcheinander ins Dorf gesprungen, Menschen in Röcken von allen Farbenmustern, ordentlich und zerlumpt gekleidet. Die ersten, die immer auch die ersten vor der Pfarrwohnung waren, forderten aufzutun, und, da ich es verweigerte, schlugen sie ihre Flinten gegen das Fenster, da ich stand, an. Ich machte also, nachdem meine Leute geflohen waren, die Tür auf; ich wollte mit ihnen reden, allein sie hielten nicht stand, gingen ohne mich anzusehen auf die im Hauserden stehenden Schränke los, öffneten sie, da eben die Schlüssel ansteckten, drangen in Stuben und Kammern und wollten Kommoden und Koffer zerschlagen; um dies zu verhindern, öffnete ich und meine Frau alles und ließ nehmen, was sie wollten. Es ging alles fleißig über Wäsche, Kleider usw. her. Die ersten nahmen das beste. Stets waren dieser Menschen 20 bis 30 in allen Stuben, Kammern und Kellern, und was sie in diesen fanden, war ihnen das liebste, weil sie es genießen konnten. Wenn ein Transport fort war, so kam wieder ein anderer, und so ging es bis auf den Abend. Da erschien ein Trupp Reiter von 15 bis 16 Mann mit einem Offizier vor dem Hoftor, sprangen ab und führten ihre Pferde ein und brachten sie unter, wo sie solche unterbringen konnten, kamen hierauf herein und forderten Essen, jagten aber die Voltigeurs fort, riegelten die Tür zu und ließen keinen mehr herein.

Da die vorigen alles, was zu genießen war, bereits genommen hatten, so konnte ihnen nichts als Kartoffeln angeboten werden. Diese wurden daher gekocht und zum Teil so gegessen, zum Teil auch Suppen mit Zwiebeln gemacht. Sie selbst hatten 13 Hühner mitgebracht, vermutlich hatten sie diese irgend in einem Hühnerhause geplündert; davon mussten gleich fünf gekocht werden und daraus vorzüglich bestand ihre Mahlzeit. Kaum hatten sich diese nach 9 Uhr niedergelegt, als endlich an die Tür geklopft ward. Wie ich aufmachte, stand ein Soldat von einem regulären Regiment als Schildwache vor mir und sagte mir, dass drei Offiziere von dem Regimente, so eben eingerückt wäre, bei mir Quartier nehmen würden. Sogleich erschien der Vornehmste von ihnen, der ungefähr ein Kapitän war, besah die untersten Stuben, wie sie alle voll waren und schliefen. Er fragte, ob ich mit diesen Leuten zufrieden wäre, ohne Zweifel, dass, wenn ich gesagt haben würde Nein!, sie hätten weichen müssen. Ich sagte aber Ja und bot ihm, wenn die Offizere nicht mehr als drei wären, eine Stube im obersten Stock an. Nachdem er diese angesehen, so blieb er und die anderen beiden kamen auch, und nun forderten sie Essen. Da ich ihnen aber sagte, dass alles aufgezehrt sei, wie er wohl vermuten konnte, und nur noch einige bereits gesottene Kartoffeln da wären, so mussten diese gebracht werden. Während sie diese aßen, fragten sie nach Mehl. Da dieses vorhanden, so mussten ihnen Pfannkuchen in dickem Rahm gebacken werden und Kartoffelsalat dazu und hinterdrein noch Kaffee. Damit brachten sie zu bis gegen 1 Uhr in der Nacht.

Währenddessen hatte ihr Bedienter die übrigen Hühner der Reiter in der Küche zurechtmachen sehen und gefragt ob diese für seine Herren sein sollten. Da ihm geantwortet, sie gehörten den Reitern, hatte er gedroht, wenn seine Herren nicht auch dergleichen bekämen, so würde ein großes Unglück geschehen. Ich ließ daher zwei Puthühner aus dem Hühnerhause nehmen, abschlachten und sie mit jenen Hühnern braten. Mit diesem allen hatten sich die Meinigen die ganze Nacht beschäftigt. Früh gegen 6 Uhr brach alles auf, aß Suppen, trank Kaffee, die Reiter setzten sich zu Pferde und hatten eine von den Puthühnern der Offiziere mitgenommen und ein miserables Huhn liegen gelassen.

Ich hatte bei meinem eigenen Geschäfte und Sorgen im Hause nicht viel mich um andere kümmern können, aber, mein Gott, welche Verwüstung im Orte und in Gierstädt. Ein einziges Mal trat ich an das Saalfenster und erblickte in der Ferne ein Feuer, dessen Flamme bis an die Wolken zu schlagen schien. Ich hielt es für einen Brand in Tonna, allein es war, wie ich den andern Morgen vernahm, zwischen hier und Gierstädt gewesen, wo die übrigen von den 20 000 Mann, die der Marschall Ney kommandierte und nicht in den Dörfern hatten unterkommen können, ein Biwak gehalten hatten. Solch ein Zustand hatte ich in meinem ganzen Leben und auch nicht in dem sogen. Siebenjährigen preußischen Krieg mit Österreich von 1756 an, den ich ganz erlebt hatte, gesehen. Man sah ein Lager unter freiem Himmel. Dazu waren keine Zelte gebraucht worden. Man hatte die Inwohner von hier und in Gierstädt gezwungen, ihr Geschirr anzuspannen und ihre Erntefrüchte in ihren Scheuern aufzuladen, Korn, Weizen, Gerste, Hafer usw., und dahin zu fahren. Von diesen Garben hatte man Schutz gegen den Wind gemacht, indem man Garben in doppelten Reihen rund herum in die Höhe gestellt hatte. Von den übrigen hatte man teils ein Lager gemacht, auf welchem man sehr weich ruhte, teils Feuer, teils den Pferden zum Fressen vorgeworfen, die es zerstampft und zertreten hatten. Wo man Hafer, Korn usw. auf den Böden gefunden, hatte man eingesteckt, mit fortgenommen und den Pferden vorgeschüttet auf die bloße Erde. Hierher war alles gebracht worden, was man aus Küchen, Kellern, Vorratskammern, Kuh-, Schaf-, Schwein und Hühnerställen hatte finden und fortbringen können. Dieses alles war in diesem Lager geschlachtet worden, und zwar auf die Art, dass man den Tieren bloß den Kopf abgehauen, das Fell herabgerissen, Keulen und Stücke Fleisch abgetrennt, an Degen gesteckt und so gebraten. Man fand dergleichen noch ungar gebraten umherliegen, was man nicht hatte genießen können und wieder weggeschmissen hatte; man fand die abgezogenen Schaffelle in ganzen Haufen aufeinanderliegen. Bei einem Einwohner in Gierstädt, Gewalt genannt, hatte man allein etliche 30 Schafe genommen; ihre Köpfe, Gedärme, Schweins-, Hühner-, Gänse-, Entenköpfe lagen umher. Butter-, Mus-, Fett-, Käsetöpfe lagen umher. Um das Feuer zu unterhalten, hatte man aus den Häusern Tische, Schränke, Stühle, Bänke geholt; ich sah auch noch die Ueberbleibsel von einem Leineweberstuhl. Bohlen und Bretter hatte man ins Feuer geworfen und verbrannt. Karren und Wagen, auf welchen man das alles nebst den Hoftoren und Haustüren, die man ausgehoben hatte, hatte man zuletzt ins Feuer geschoben und zum Teil ganz, zum Teil halb verbrannt. Mein Gartenhäuschen unterm Gierstädter Kirchenholz nebst der großen Baumschule hatte man verwüstet und die jungen Bäumchen mit ihren Pfählen in das Feuer geworfen und zusammen verbrannt. Der Ort, wo dieses Biwak gehalten worden war, war am Fahnerweg nach dem Holze zu zwischen dem Schleifwege aus Gierstädt nach dem Holzberge zu und der Gierstädter Mark, nicht weit von meiner Baumschule. Es war schrecklich anzusehen, und gewiß kann ein Lager wilder Kannibalen auf feindlichem Grund und Boden nicht ärger und verwüstender aussehen.

Nachdem die letzten Voltigeurs nichts mehr in der Pfarre gefunden, so ihnen anständig war, so zogen sie mir noch einen neuen Oberrock aus Tuch aus, und ich musste nun in der bloßen Jacke gehen. Sie hatten gewartet, bis ich die Treppe herunterging; zwei gingen hinter mir drein, zwei standen unten vor der Treppe und zwei in der Mitte, alle mit Gewehr und aufgepflanzten Bajonetten. Die letzten griffen mich an. Wie ich sah, dass ich so eingeschlossen war, zog ich den Oberrock selbst aus und gab ihnen denselben mit den Worten: Da mir alles genommen wäre, so möchten sie diesen auch hinnehmen. Meiner Frau, die stets an meiner Seite war, kehrten sie noch die Taschen um und nahmen ihr die paar Pfennige, die sie drinnen hatte. Diese Plünderung und den Schaden, den ich dabei hatte, kam über 500 Rthl., wie ich hernach auf Befehl der Obrigkeiten berechnen und einsenden musste, wie auch alle tun mussten, die der Plünderei in hiesiger Gegend unterworfen worden waren.

Man hatte von Jena aus über Erfurt bis in unsere Gegend scharmütziert, und selbst in unserer Flur geschah es noch. Ich sah von meinem Saalfenster aus, wie unten an der Straßen ein Trupp preußischer Reiter und Chasseurs, auch die Bedeckung von einer Kanone und Pulverwagen, aufeinander schossen und einige von den Preußen und auch ein französischer Husar geblieben sind und in unserer Flur begraben liegen. Obige Kanone und Pulverwagen hatten die Preußen an der Straße nicht weit von meinen zwei Pfarräckern stehen lassen, welche hernach die Franzosen holten, nachdem die hiesigen Einwohner viel Pulver vorher herausgeholt hatten. Die fliehenden Preußen hatten viele Mantelsäcke, Betten, Pakete, Kleider und Gewehre weggeworfen, wovon viele, die es wagten, hinunter an die Straße zu gehen, sich etwas zueigneten; das meiste aber hatten sich die Witterdaischen und Dachwiger geholt.

Am Tage nach der Kirmse, den Freitag, kam ein Schreiben hier an, das ich von dem damaligen Prinz Murat in Erfurt ausgewirkt hatte, der den französischen Truppen alles Plündern in gothaischen Landen untersagte. Aber immer kamen noch Nachzügler von ihnen, die Miene zum Plündern machten. Ich selbst hatte noch mit zwei Reitern einen Streit darüber, denen ich erst die gedruckte Ordre von Prinz Murat vorlesen musste, deren auch mir ein Exemplar zugesendet worden war, worauf sie mit Unwillen fortritten. Im Ort war kein Bissen Brot mehr. Es musste daher den ganzen Tag gebacken werden.

Der Zug dieses 8. Armeekorps des General Ney ging über Gräfentonna, Tennstedt, Greußen und Sondershausen, wohin sich die Preußen ferner zurückzogen, und bald war der Kriegsschauplatz aus unserer Gegend weg. Wo sie hingekommen und was sie anderwärts angerichtet haben, muss in der allgemeinen Geschichte dieses Krieges gesucht werden.

3. Fortsetzung

Nachdem endlich der Tilsiter Friede geschlossen worden war, so blieben nichtsdestoweniger die Franzosen in Deutschland, und in Preußen blieben sogar einige Festungen besetzt, und wir hatten durch das stete Hin- und Herziehen der Franzosen stets Einquartierungen und mussten sie umsonst quartieren und ernähren. Da Napoleon zuletzt sich auch nicht mehr scheute, Russland Vorschriften zu machen, so brach endlich ein neuer Krieg mit Russland los, zu welchem auch Deutschland seine Contribution geben musste, und auch aus hiesigem Dorfe wieder mehrere ausgehoben und mit dorthin marschiert und nicht wiedergekommen sind. Napoleons gänzliche Niederlage in Russland 1812 erweckte Preußens und aller Deutschen Mut, ihn auch aus unserem Vaterlande zu vertreiben.

Nachdem Preußen und Russen 1813 erst allein gegen ihn gekämpft hatten, so trat endlich auch Österreich zu ihnen, und schlugen den 16., 17. und 18. Oktober dieses 1813. Jahres die große Schlacht bei Leipzig, woran er in einem Zuge bis nach Frankreich über Weißen­fels, Naumburg, Erfurt, Gotha pp. und also auch über hier mitmachen musste und die ihn verfolgenden drei Kriegsheere in der Breite das ganze gothaische Land durchzogen. So traf uns von diesen drei Heeren besonders das russische, welches in dieser Verfolgung den rechten Flügel bildete, deren Hauptstrecke hier durch Kleinfahnern ging und diesem Orte und mir insbesondere viele Leiden verursachte, die ich hier erzählen will.

Schon vor der Leipziger Schlacht hatten wir hier polnische Lanciers von der französischen Partei, die Napoleon zur Reserve hatte nachrücken lassen, und ich einen Obristleutnant im Quartier, 14 Tage lang, dessen Tafel ich mit Wein und Braten und, was so ein Mann forderte, besorgen lassen musste. Das war schon im September. Sie waren aber in großer Furcht, da wir einige Tage auch Einquartierung von Flüchtlingen von Jüterbog hatten, wo die Franzosen schon sehr gelitten hatten; es durfte aber nicht so heißen. Aus der Furcht aber der französischen Lanciers vor den Russen konnte man schließen, dass sie keine guten Briefe hatten. Nachdem beide, diese vorwärts und jene rückwärts, weggegangen waren, so erschien am 22. Oktober, am Tage nach unserer Kirmse, ein Trupp Kosaken unter einem Obersten, der bei mir abtrat und nebst seinem Adjutanten einige Erfrischung zu sich nahm und seine Kosaken alle in der Gasse halten ließ, übrigens ein sehr artiger, guter Mann. Er zog seine Landkarte vom Gothaischen Lande heraus, und ich musste ihm die Dörfer Pferdingsleben, Nottleben und Gamstedt zeigen, auf welche er mit seinen Kosaken zuritt. Dies geschah ohne Zweifel, um den aus Erfurt sich retirierenden Franzosen zuvor­zu­kom­men, und schon den andern Morgen, den Sonnabend Vormittag, brachten die Kosaken 600 gefangene Franzosen hier vorbei, und die Gemeinde musste Brot, Würste, Speck, Branntwein vor das Tor schaffen, um zu frühstücken, die gefangenen Franzosen aber erhielten wenig davon. Im Übrigen war es den Tag über still. Indessen als es schon Nacht worden, sehr finster und regnerisch war, ungefähr gegen 8 Uhr, hörte ich von meiner Stubentür aus auf dem Weg hinter meinem Pfarrgarten vorbei ein großes Trappeln von Menschen und Tieren, ich schlich mich an das Saalfenster, um zu bemerken was zum Dorfe hereinkommen würde. Bald kam ein Reiter angesprengt, der vor den Fenstern des Herrn Schulmeisters, der hell Licht hatte, stille hielt und Licht verlangte und die Oeffnung seines Hoftores. Wie er aber hineinsah und den engen Bezirk seines Hofes gewahr wurde, blickte er um sich und sah das Pfarrtor. Er sprengte also herüber und leuchtete über das selbe hin und wurde nach seiner Meinung einen großen Platz gewahr. Er sprengte also wieder zum Dorfe hinaus und wieder zurück und mit ihm eine große Menge Menschen, die alle in den Pfarrhof hereindrangen und bald auch zur hinteren Haustür ins Haus. Bald hörte ich Deutsch, bald Französisch, bald eine andere Sprache, die ich nicht verstehen konnte. Wie ich hinunter ins Haus kam, da tönten hundert Stimmen in allen Sprachen mir entgegen: Wasser, Brot, Schnaps, Bier, Fleisch! Noch wusste ich nicht, ob es Freunde oder Feinde waren, endlich erfuhr ich, dass es 400 gefangene Franzosen, unter welchen 20 Offiziere, waren, die sich der großen Stube rechter Hand vom Eintritt her bemächtigten. Gegenüber in die kleine Stube traten andere bewaffnete Offiziere, welches Russen waren, und gerade in die Stube, wo meine arme Frau an einem Nervenfieber gefährlich krank lag und nur ihrer Schwester Tochter und eine Jungfer von Gotha zur Wartung hatte. Vor der Pfarre und die Gasse abwärts hin waren 30-40 Kosaken zur Bewachung, die auch alle Ausgänge des Hofes und Hauses besetzt hatten. Magd und Knecht sah ich nicht und kamen nur nach einer Weile zum Vorschein. Man kann glauben wie bedrängt ich war, allen diesen Menschen zu geben! Im Kurzen war alles, was ich in Leib und Leben hatte und genießbar war, aufgezehrt. Der Brunnen im Hofe musste beständig gezogen werden, um nur den Durst der Menschen zu stillen, allerlei Gefäße, auch die Nachttöpfe, die zum Auslüften dastanden wurden zum Schöpfen und zum Trinken gebraucht. Am Tage hatte ich 2 Wagen weiße Rüben einfahren lassen, die noch im Hofe vor dem sogenannten Halbkeller lagen, die wurden beinahe ganz verzehrt. Alle Inwohner waren ins Holz geflüchtet, und kaum ließ sich ein oder der andere nach dem ersten Schrecken in der Pfarre sehen. Aber nun ging eine neue Angst um. Die russischen Offiziere, ein General, ein Obristleutnant, ein Kapitän, wollten durch einen ihrer Dolmetscher eine ordentliche Mahlzeit haben, Braten, Fische, Wein pp. Ich gab ihnen, was ich noch für uns versteckt hatte, Schinken, Servelatwurst, Kartoffelsalat und Wein, soviel ich nur hatte, aber sie wollten immer mehr. Endlich mussten sie sich begnügen lassen und schliefen eben in der Stube neben meiner Studierstube. Aber welch ein Greuel wurde ich gewahr, als ich ein wenig zur Ruhe gekommen war und zu meinem Kammerfenster hinaussah. Da hatten sie mir meine Getreidegarben aus der Scheune hinausgetan und auf dem Hofe sich Lagerstätten davon gemacht. Erst hatten sie viele derselben in die Pfützen, die da standen, gelegt und den Hof trocken gemacht, dann nun andere Garben oben darauf ausgebreitet und sich gelagert. Was nicht da Platz hatte, war in der Scheune so tief in die Früchte hinunter, als sie hatten können, gekrochen. Viele hatten sich auf diese Weise versteckt und waren den anderen Morgen zurückgeblieben. Andere hatten sich auf dem Futterboden, in die Ställe oder sogar in das Hühnerhaus gelagert. Ihr Erwachen frühmorgens in der Dämmerung auf dem Hof war eine wahre Auferstehung der Toten, wie sie Hesekiel beschreibt (Kap. 37), da ich sie von meinem Kammerfenster aus erblickte.

Kaum brach der Tag an, so wollten wieder alle Gefangenen Essen haben, besonders aber drängten mich die russischen Offiziere, die doch wussten, dass ich alles hergegeben hatte. Der Hauptmann davon zog den Säbel gegen mich und zwang mich, dass ich in Pantoffeln mitten durch den Morast im Fahrweg springen musste und, wie er sich ausdrückte, Kochfleisch, sollte heißen gekocht oder gebraten Fleisch, schaffen sollte. Auf dem Hof schickte mit der Pächter einen kalten Hasenbraten entgegen, den ich nahm und wieder zurückging. Kaum konnte ich ihn behalten, denn die auf beiden Seiten wachhaltenden Kosaken wollten ihn mir nehmen, allein der Hauptmann stand auf der Pfarrtreppe und blickte mir entgegen, da scheuten sie sich doch etwas. Nun war es gut; die Offiziere aßen und tranken Wein, dann ging es gegen 8 Uhr Sonntagsfrüh fort über Langensalza hin.

4. Fortsetzung und Schluss

An ein Kirchengehen wurde nicht gedacht; aber nachmittags hielt ich Kirche und vor allem eine Dankrede, nachdem ich den 46. Psalm „Gott ist unsere Zuversicht“ verlesen hatte, und schloß mit einem Dankgebet zu Gott, dass er uns erhalten hatte; denn wirklich war das Dorf in großer Gefahr, angesteckt zu werden. Vor der Schule und Kolbens Haus loderten große Feuer, deren Flammen bis unter das Dach schlugen. In der Pfarrküche kochten und backten die gemeinen Kosaken ihre geraubten Schöpfe, dass das Feuer bis an die Decke schlug. Im Hauserden und Stuben hatte man Stroh und Garben geschleppt und sich darauf gelegt und überall brannten Lichte. Im Heizschuppen hatte man ein Feuer angemacht, das beinahe unten an den Boden der darüber hinlaufenden Kammer anschlug. Das musste man sehen und durfte nicht wehren.

Den Sonntag bleib es nun ruhig. Übrigens hatte kein Mensch gelitten als ich, alles hatte sich nur in und um die Pfarre gelagert. Aber auf den Abend kam ein Trupp Kosaken, die aber sich nicht einquartieren ließen, sondern vor dem Tore unter den Bäumen ein Bivouaque (Biwak), wie die Franzosen es zu nennen eingeführt hatten, hielten, wohin ihnen Stroh und Lebensmittel gebracht werden mussten.

Den folgenden Montag als den 25. Oktober gingen mehrere Züge Kosaken vorbei; immer brachen ganze Trupps ein, ließen sich Essen und besonders Schnaps geben und plünderten hernach doch. An jenem einzigen Tag hatte ich nach und nach 20 Kannen Schnaps bei dem Pächter holen lassen, und die Pfarrei war immer das erste Haus, das in die Augen fiel und wo sie nachher plünderten. Einer von diesen Trupps machte es gar zu arg. Es musste ihnen Schränke und Kommode, wenn man es nicht wollte zerschlagen lassen, aufgemacht werden, wo sie alles wegnahmen, was ihnen anstand. Endlich kamen sie auch an den eisernen Kirchkasten, in welchem sich außer den Obsignationen etwa einhundert Thaler an Gelde und die Vasa sacra (Abendmahlsgefäße) befanden. Einer von den Kosaken ergriff ein Beil und wollte ihn erst aufhauen, er besann sich aber anders und forderte von mir und Nikolaus Scheiden, meinem damaligen Knecht, die Schlüssel. Auf mich hielt er die Pistole, besann sich aber auch da anders und nahm die Knute. Ich gab also den Schlüssel her, weil ohne die anderen, die der Rechnungsführer hatte, der Kasten doch nicht aufgehen konnte. Er gab sie Scheiden zum Aufschließen. Da aber dieser es doch nicht vermochte, schlug er ihn mit dem umgekehrten Beil auf den Rücken, dass ich dachte, dass Rückgrat wäre entzwei. Der warf ihm die Schlüssel vor die Füße, die er aufhob und selbst aufschließen wollte. Er drehte aber, da er alle Ränke anwandte, den Kamm ab. Wie er das gewahr wurde, warf er die Schlüssel hin und ging fort.

Mehr als einmal, wenn sie kamen und sahen, dass alles aufstand und nichts mehr zu nehmen war, haben sie mich durchsucht, durchfühlt das Halstuch mir abgetan, weil sie glaubten, ich hätte Geld drinnen versteckt. Meiner armen kranken Frau ging es ebenso, sie musste oft aus dem Bette, diese wurden herausgeworfen und durchsucht, und ich musste sie indes auf den Schoß nehmen. Gern hatte sie einen Oberrock, von gutem Tuch gewebt, sie hatte ihn darum zu sich ins Bett genommen, man fand ihn aber und ging damit auf und davon. Alle Hühner und Gänse waren fort. Ein Trupp Baschkiren fand noch in einem Schranke Butter, davon nahm jeder einen Wecken und aß ihn zum Brot, indem er wechselweise bald in die Butter, bald ins Brot biss. Sie trugen hohe spitzige Mützen von Schaffellen und hatte Pfeile und Bogen.

Ebenso ging es den Dienstag fort, wo ein ganzes Korps über Wittern und Kleinfahner hinzog. In der Nacht kamen noch welche von Wittern und plünderten. Hinter dem Pfarrgarten lagen Kosaken, die die Stakete abrissen und verbrannten. Die von Wittern gekommen, hatten in der hiesigen Windmühle alles Mehl, Schrot und Früchte auf des Müllers Karren geladen und dessen Pferde eingespannt und mit fortgenommen. Im selbigen Tage waren im Orte selbst schon einige Pferde fortgenommen worden. Jetzt ging alles bunt übereck, wie man zu sagen pflegt. Bei mir in meinem Hause stand alles offen. Man kam durch den Garten herein und auch von vorn. Bisweilen kamen wohl auch Offiziere, die ihr Essen mitbrachten, setzten sich und spuckten; bisweilen forderten sie auch wohl, wie ihnen aber nichts gegeben werden konnte, war’s auch gut.

Den 27. oder auch den Mittwoch erschienen auch nun einmal andere Truppen als Russen, es waren preußische Ulanen aus Schlesien, zwei Eskadrons unter dem Kommando eines Herrn Majors von Blacha, und ich erhielt 2 Leutnants, 5 Mann und 12 Pferde, sie kamen aber nicht alle, denn einige von ihnen waren auf Feldposten. Wir hatten eine große Freude, weil wir von nun eigentlich Deutschen mehr geschützt zu sein glaubten. Indes gingen sie schon den 28. wieder fort, weil sie zum Belagerungskorps von Erfurt bestimmt waren. Da noch immer viele Kosaken vorbeizogen, so riet ich den Gerichtsschöppen, sich von den Ulanen eine Schutzwache vom Herrn Major auszubitten, die uns gegen die Russen in Schutz nehmen möchte, sie ließen mich aber durch den Herrn Schullehrer Salomon ersuchen, ich möchte es in ihrem Namen tun. Ich tat es, und sehr gefällig gab er mir zwei Ulanen, und da sie niemand ins Quartier nehmen wollte, so nahm ich sie in die Pfarrwohnung und gab ihnen die kleine Stube. Doch blieb nur einer und dieser forderte, dass ich die Einwohner bewegen möchte, bei der Hand zu sein, wenn irreguläre Einfälle von den Russen geschehen möchten, denn man musste sich im Fall der Not auch in Autorität setzen. Ich ließ daher alle Mannspersonen vor die Pfarrwohnung kommen und überzeugte sie von der Notwendigkeit dieser Maßregel, und es war gut, denn gleich den Freitagvormittag erschienen 20 Kosaken, forderten 30 Malter Hafer und Fourage und fielen zugleich in die Häuser und wollten plündern. Allein es wurde sogleich gestürmt und alle Mannspersonen versammelten sich sogleich vor der Pfarrwohnung und andere 20 kamen von Gierstädt, Dieses verschaffte Respekt, sie begehrten daher nur noch 20 Malter Hafer und weiter nichts. Sie mussten ihnen aber nach Bienstädt von hiesigen Pferden nachgefahren werden, von da hatten sie solche mit nach Alach und von da wieder mit nach Eisenach genommen. Hier hatten dann die Eigentümer Karren und Pferde verlassen und kamen leer zurück. Ein Pferd gehörte Melchior Kolben, Gerichtsschöppe, und das andere Andreas Schierschmidt, Kirchenrechnungsführer. Vorher hatten die Russen auch schon dem Pächter zwei Pferde, dem Gerichtsschöppen Melchior Bufleben eins und Asmus Degenhardt und Heinrich Waltern eins genommen.

Von da aus wurde es ziemlich ruhig. Ich musste den Schutzposten noch drei Wochen im Quartier behalten, weil ihn kein Mensch haben wollte, da er ein sehr böser Kerl war. Er hieß Münzer und stammte, wie er selbst zu beweisen suchte, von dem berüchtigten Münzer im Bauernkriege im 16. Jahrhundert ab. Endlich wurde er in die Schenke quartiert, wo er der Gemeinde etliche 20 Thaler gekostet hat, mir gewiß auch ebensoviel, wenn nicht noch mehr.

Gegen den Advent bekamen wir hier wie in allen Dörfern um uns her preußische Infanterie zur Einquartierung, die mehrmals abwechselten, weil sie zum Belagerungskorps von Erfurt gehörten. Da aber gegen Weihnachten diese Festung enger eingeschlossen wurde und sich die Truppen näher an die Stadt hinzogen, so verloren wir sie ganz, und den Tag vor Weihnachten marschierte alles fort. Die Einwohner mussten aber mit allen im ganzen Lande stark liefern, da Gotha von dem Belagerungskorps des Herrn General von Kleist die 10. Brigade allein zur Verpflegung übernommen hatte. Daher war es so traurig für uns alle, dass sich die Belagerung so sehr in die Länge zog und schien, als wenn es kein rechter Ernst wäre; denn man hörte nur selten eine Attacke, wo der Kanonendonner auch auf meiner Studierstube gehört werden konnte. (Die Stadt wurde im Januar 1814 besetzt, die Zitadelle ergab sich erst im Mai.)

Der Hexenturm in Grossfahner

Der Hexenprozess zu Großfahner im Jahre 1667

Von Lehrer Richard Lerp – Großfahner, 1934

Zu den trübsten Zeiten deutscher Vergangenheit gehören jene drei Jahrhunderte von etwa 1400 ab, in denen der wahnsinnige Glaube an Hexen in unserem Volke herrschte. Hunderte unschuldiger Menschen, in der Hauptsache Frauen, wurden alljährlich diesem Wahn geopfert. Der Hexenprozess zu Großfahner zeigt uns das Wesen des Hexenglaubens in aller Deutlichkeit.

Seinen Anfang nahm dieser Prozess im Jahre 1665. Damals lebte in unserm Heimatdorfe der Gemeindehirte Hans Ritter. Er war, wie alle Hirten seiner Zeit, eine angesehene Person. Hatte er doch das ehrenvolle Amt zu verwalten, das Vieh der Bauern zu betreuen. Ihm lag auch ob, die Schafe, deren es nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder viel mehr gab, auszutreiben. Mehrere Schafknechte unterstützten ihn in seinem verantwortungsvollen Beruf.

An einem Frühlingsmorgen trieb Hans Ritter seine Schafherde der Fahnerschen Höhe zu. Er überquerte dabei ein Grundstück, das einer Frau namens Martha John gehörte. Mit dieser Frau hatte es eine eigene Bewandtnis. Die sonderbarsten Gerüchte waren über sie verbreitet. Sie sollte allerlei geheime Künste verstehen und an manchem Unglück im Dorfe schuldtragen. Zweimal war sie schon wegen zauberischer Händel angeklagt gewesen. Infolge Mangels an Beweisen war sie aber freigesprochen worden. Als Martha Johnin den Schaden auf ihrem Acker gewahrte, den ihr Hans Ritter mit seiner Herde zugefügt hatte, war sie empört. Sie eilte zum Gemeindehirten und in ihrer temperamentvollen Art überhäufte sie ihn mit den derbsten Schimpfnamen. Zuletzt rief sie noch: „Hüte dich nur, sonst wird dir’s auch so ergehen wie dem Adam Ziske!“ – Der Schneider Adam Ziske war vor Jahren an einer Krankheit gestorben, für welche die Ärzte keine Erklärung fanden. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um Gicht, denn nach den Akten ist viel von einem „Zerren und Reißen in den Gliedern“ die Rede. – Wenige Monde nach diesem Vorfall wurde der Gemeindehirte Hans Ritter krank. Er bekam ein „dunstiges Gesicht“ und litt an Zucken und Reißen im Körper. Seine Glieder wurden mit den Wochen immer ungelenker. Eine Erklärung für seine Krankheit wussten die Ärzte nicht zu finden. Er beschuldigte nunmehr die Martha Johnin, dass sie ihn ebenso wie den Adam Ziske behext habe. Das ließ sich die Martha Johnin nicht gefallen. Sie erstattete Anzeige bei den Ältesten der Gemeinde. Diese berichteten dem Patrimonialgericht (Gutsherrengericht) in Großfahner, dass der Gemeindehirte Hans Ritter die Martha Johnin beschuldigte, sie habe ihm eine Krankheit angehext. Daraufhin wurden die Eheleute John sowie Hans Ritter vernommen und konfrontiert (gegenübergestellt). Auch eine Anzahl Zeugen wurden geladen und verhört. Das Patrimonialgericht war im Zweifel, was zu tun sei und wandte sich mit der Bitte um Raterteilung an die nächsthöhere Instanz, den Schöppenstuhl in Jena.

Der Schöppenstuhl in Jena antwortete: „Stellt Erhebungen an und verhaftet die Martha Johnin sofort!“. Das geschah. Die ursprüngliche Klägerin wurde also verhaftet. Die Martha Johnin wurde in den noch heute auf dem Schieferschlosse vorhandenen Hexenturm gesperrt. Auch die angeordneten Erhebungen fanden statt. Es wurden über zehn Zeugen – darunter Schneider, Biermann, Ungewitter – vernommen und außerdem noch die Pfarrer und Schuldiener von Großfahner, Tröchtelborn und Bufleben. Die Pfarrer sagten u.a. aus: „Die Martha Johnin hat zwar in der Konfirmandenstunde nie recht aufgepasst, aber sonst können wir ihr nichts Schlechtes nachreden“. Die übrigen Zeugen bekundeten alle übereinstimmend, dass Martha Johnin in schlechtem Ruf stände; aus eigener Anschauung aber wüssten sie nichts. Der Martha Johnin wurden darauf bestimmte Fragen vorgelegt. Sie stellte aber jegliche Schuld entschieden in Abrede. Das Patrimonialgericht berichtete abermals an den Schöppenstuhl in Jena und bat um Anweisung, was ferner geschehen sollte. Bisher sei bei der Sache nicht viel herausgekommen. Die Martha Johnin leugne und bitte, dass Sie zumindest gegen Kaution aus der Haft entlassen werde. Die Antwort aus Jena lautete: „Die Martha Johnin soll einen Monat Zeit erhalten, um ihre Unschuld darzutun, inzwischen aber in Haft behalten werden“. Nunmehr wandte sich der Ehemann der Martha Johnin in zwei Eingaben an den Landesherrn, den Herzog Ernst den Frommen, mit der inständigen Bitte, „die Sache seiner Ehefrau zu prüfen und sie, die gefänglich gesetzt und bey 3 Wochen in einem unverdachten Turm in solchem Regenwetter und Kälte gesessen, dass sie hierdurch um ihren gesunden Leib gebracht wird, und die täglich überdies von 2 Musketieren bewacht werde, wenigstens gegen Kaution aus der Haft zu entlassen.“ Der Herzog wies das Patrimonialgericht wiederholt an, die Sache zu beschleunigen; die Genehmigung zur Haftentlassung erteilte er jedoch nicht. Es sollten aber die Entlastungszeugen, die die Martha Johnin vielleicht aufrufen würde, gehört werden. Das geschah auch. Die von der Martha Johnin benannten Entlastungszeugen wurden alle unter Eid vernommen. Wenn auch von ihnen keiner etwas sie bestimmt Belastendes aussagen konnte, so bestätigten doch alle, dass Martha Johnin in dem Ruf einer Zauberin stehe. Martha Johnin blieb bei der Beteuerung ihrer Unschuld: „Gott wird mir wohl helfen, auch in größter Not“.

Nun kamen aber als neue Zeugen, die sie viel schwerer als bisher belasteten, zu den bereits vernommenen hinzu: Hans Proban, Hans Gewalt, Matthäus Hessenlandt aus Gebesee und Christiane Müntzel, eine Dienstmagd der Herren von Seebach. Hans Proban sagte aus: „Eines Abends ging ich mit mehreren anderen aus der Kirche heim. Als ich an das Haus der Martha Johnin kam, bemerkte ich im Hausflur einen hellen Feuerschein. Ich drang in das Haus ein. Da kam mir dichter Dampf entgegen. Martha Johnin aber war sehr verlegen und gab an, es sei zufällig ein Bündel Stroh in Brand geraten“. Hans Gewalt bezeugte: „ Ich wollte eines Abends mit einem anderen Manne nachts um 2 Uhr nach Gotha fahren. Als wir mit dem Anschirren beschäftigt waren, kam Martha Johnin vorbei mit einer Schürze, in der sich angeblich Rübsamen befand. Sie wünschte „Guten Abend“ und huschte vorüber. Mein Begleiter wurde in Gotha plötzlich krank und starb. Das hat Martha Johnin mit ihrem „Guten Abend“-Gruß verschuldet“. Der dritte Zeuge, Matthäus Hessenlandt aus Gebesee berichtete: „Ich ging eines Abends durch Großfahner. Da merkte ich plötzlich, wie über mir im Nebel der Teufel nach dem Haus der Martha Johnin zuflog.“ (Wahrscheinlich handelte es sich um eine Eule, die der Zeuge in seiner Teufelsangst für Beelzebub selbst angesehen hat.) Die Christiane Müntzel versicherte: „Ich stand eines Abends auf der Freitreppe des Schlosses. Da fuhr der Teufel im feurigen Strahl vom Himmel in das Haus der Frau Martha Johnin hinein“. (wohl eine harmlose Sternschnuppe, die den ausschlaggebenden Beweis für ein Todesurteil geliefert hat).

Daraufhin wurde nun wiederum nach Jena berichtet: „Wir haben der Martha Johnin, wie Ihr angeordnet habt, die Frist von einem Monat gesetzt und die Sache auf des Herzogs befehl nach Möglichkeit beschleunigt. Wir haben den Eheleuten John alle möglichen Gelegenheiten gegeben, die Unschuld der Martha Johnin darzutun. Aber nicht das Ent-, sondern das Belastungsmaterial ist gewachsen. Gebt uns Anweisung, was nun ferner geschehen soll, insbesondere darüber, wer das Bier für die Wächter bezahlen soll!“ Es mussten jede Nacht zwei Mann bei der Martha Johnin wachen. Zu diesem Dienst waren auf Vorstellung der Großfahnerschen auch Gierstädter mit zugezogen worden. Der Schöppenstuhl antwortete: „Der Martha Johnin sind nochmals bestimmte Fragen vorzulegen. Gesteht sie nicht, so sollen die Fragen auf der Folter wiederholt werden.“ Die Martha Johnin leugnete natürlich und nun schrieben die Gerichtsherren dem Scharfrichter die Tortur vor. Die Martha Johnin sollte auf eine Leiter gebunden und mit der Daumenschraube und dem Spanischen Stiefel gefoltert werden.

Nach fünfstündiger harter Folter gestand Martha Johnin folgendes: „Ich bin eine Hexe, der Teufel ist in Gestalt eines Kriegsknechtes zu mir gekommen. Er hat Curt geheißen und mich mit Wasser auf seinen Namen ungetauft. Ich bin mit ihm auf den Blocksberg gefahren. Er hat vorn auf dem Besen gesessen und ich hinten. Auf dem Blocksberg habe ich mit meinem Curt und anderen Hexen getanzt. Gott habe ich abgeschworen. Ich habe „15 würme wie fliegen gebohren.“ Die habe ich zu Pulver gebrannt und dem Hirten Hans Ritter vor seine Haustür gestreut. Er ist darüber weggegangen und davon rührt seine Krankheit her. Ich bitte Euch, verbrennt mich nicht, sondern richtet mich mit dem Schwert. Dass ich den Tod verdient habe, sehe ich nunmehr selbst ein.“ Gleich darauf bat auch der Ehemann John mit seinen Kindern um Vollstreckung des Urteils. Er schrieb, er würde sich nie für seine Frau verwandt haben, wenn er gewusst hätte, dass sie eine Hexe sei. Jeder Tag, den sie länger lebe, würde ihm und seinen Kindern zum Schaden gereichen. Baldige Vollstreckung liege daher in seinem eigenen Interesse. Der Gemeindehirte Hans Ritter dagegen bat die Gerichtsherren, sie möchten die Martha Johnin und ihre Familie anhalten, ihn für die Krankheit, Not und Angst, an der allein Martha Johnin schuld sei, schadlos zu halten. Die Gerichtsherren schrieben nun nach Jena: „Die Martha Johnin hat gestanden; aber wohl noch nicht alles; insbesondere noch nicht, wem sie alles noch das Hexen gelehrt hat. Soll die Folterung fortgesetzt werden? Die Verwandten bitten um Vollstreckung des Urteils.“ Die Antwort lautete: „Die Martha Johnin soll verbrannt werden. Die Kosten sollen die Gerichtsherren tragen.“ Es erfolgt nun die Einladung des Henkers seitens der Gerichtsherren; „er soll ganz heimlich, ohne großes Aufhebens kommen.“ Die Hinrichtung scheint sehr still vor sich gegangen zu sein. Sie erfolgte nicht wie sonst auf dem Galgenberg, wo sie als Volksfest gefeiert wurde, sondern auf dem Heiligen Hügel, der nördlich davon zwischen Dachwig und Großfahner liegt und wahrscheinlich in alter Zeit eine Opferstätte gewesen ist. Noch heute führt zu ihm der Heilige Weidenweg, der längs des Jordans läuft. Für den Scheiterhaufen wurden 24 Bündel Stroh und 5 Klafter Holz angefahren. In den frühen Morgenstunden des 13. Septembers 1667 loderten die Flammen des Holzstoßes auf dem Heiligen Hügel empor. Der Henker half der Martha Johnin bei der Verbrennung an der Säule bald mit dem Strange nach. Martha Johnin hatte ausgelitten. Acht Tage später wurde auch der Hirte Hans Ritter von seiner Krankheit durch den Tod erlöst.

Nachricht des Herausgebers:

Zu obigem Aufsatz kann man mit Geibel sprechen:

„Glaube, dem die Tür versagt,

steigt als Aberglaub ins Fenster;

Wenn die Götter ihr verjagt,

kommen die Gespenster.“

Dazu noch ein Wort Pestalozzi’s:

Unglauben ist die Quelle der Vernichtung

aller inneren Bande der Gesellschaft.

Der Originaltext erschien 1934 in den Heimatglocken – Evangelisches Gemeindeblatt für die Kirchgemeinden Großfahner, Kleinfahner und Gierstädt. 2. Jahrgang, Nr. 1, Jan./Februar 1934. Die Schilderung des Hexenprozesses von Großfahner wurde hier nahezu unverändert übernommen, nur gegebenenfalls die Schreibweise etwas angepasst.

Ortschronist Dietmar Kästner schrieb in der Ausgabe Nr. 7 für November/Dezember 2006 des „Fahnerschen Heimatboten“ als Zusammenfassung seines Vortrags über die „Hexenverfolgung im Großfahner der zweiten Hälfte des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts“ vom 6. Oktober des Jahres:

Leider sind uns die Quellen, aus denen Richard Lerp sein Wissen nahm, nicht bekannt. Meine Suche nach diesen Quellen hat mich zu Rudolf Rasch geführt, der in den „Mitteilungen der Verei­nigung für Gothaische Ge­schichte und Altertums­forschung“ Jahrgang 1901 ebenfalls den „Hexen­prozess aus dem See­bach­schen Gericht (1667)“ ausführlich schil­derte. Die­se Schil­derung weicht an einigen Stellen von der des Lehrer Lerp ab. Unter anderem wird von Rasch ausgeführt: “Sie (Martha Johnin) gibt vier Weiber an, die sie zum Hexentanz gesehen haben will, bittet aber, diese nicht eher zu vernehmen, bis sie ihr Recht ausgestanden, weil sie sich mit ihnen ungern keifen und hadern wollte.“ Aus einer weiteren Fundstelle geht hervor, dass im Oktober 1667 gegen die siebzigjährige Christine Eckart wegen verdächtiger Hexerei in Großfahner der Inquisitionsprozess verfügt worden sei. „Die Seebachschen Gerichtsverwalter hatten zuvor eine andere Verdächtige, die Margarethe Schäffer, der Hexerei überführt, und diese hatte auf fünf Mitschuldige, darunter auf die Eckart bekannt.“ Am Tag, wahrscheinlich Anfang November, als der Margarethe Schäffer ihr Todesurteil verkündet wird, kommt es zur Gegenüberstellung mit der Christine Eckardt. Margarethe Schäffer bleibt bei ihrer Beschuldigung, „dass die Eckardt mit ihr in der Walpernacht (Walpurgisnacht) die Teufelstänze besucht habe“. Obwohl Christine Eckardt „lebhaft und energisch“ widerspricht, der Prozess gegen sie ist nicht mehr aufzuhalten. Bis zum Verhör der Christine Eckardt vergehen acht Monate. Am 10. Juli 1668 findet er statt. Sie war vom ehemaligen Pfarrer der Gemeinde, von Zeugen und Nachbarn mit Vorwürfen, über die wir heute wegen ihrer Naivität, Angst und Unwissen nur ungläubig den Kopf schütteln können, schwer belastet worden. Diese lagen teilweise bereits Jahrzehnte zurück. Auch bei der Gegenüberstellung blieben die Zeugen bei ihren Beschuldigungen. Die Zeugenaussagen sind sehr ausführlich überliefert. Die Hinrichtung der Christine Eckardt fand Anfang November 1668 statt. Sie wurde mit dem Schwert gerichtet, dies war eine Form der Begnadigung durch den Landesherrn, aber danach musste ihr Körper noch verbrannt werden. Eine weitere Hexenverfolgung fand in unserer Gemeinde vor 1705 statt, dieser Prozess endete mit einem Landesverweis der Beschuldigten. Eine Quelle zu dieser Hexenverfolgung ist mir bekannt, muss aber noch näher erforscht werden. Bei diesen Ausführungen wurde auf eine historische Einordnung, auf die Ursachen, die räumlichen und zeitlichen Ausmaße und die Anzahl der Menschen die von Hexenverfolgung in Europa betroffen waren, auf Ausführungen zum Hexenhammer, die Hexenvorstellungen unserer Ahnen und ihrer Zeit verzichtet. Wer sich näher mit diesem Thema befassen möchte, findet im untenstehenden Literatur­verzeichnis umfangreiche Informationen. Dietmar Kästner

Literatur:

Lerp, R. (1934): Der Hexenprozeß zu Großfahner im Jahre 1667 in: Heimatglocken, Evangelisches Gemeindeblatt für die Kirchgemeinden Großfahner, Kleinfahner und Gierstädt.

Rasch, R. (1901): Gothaische Hexenprozesse, in: Mit­teilungen der Vereinigung für Gothaische Geschichte und Altertumsforschung.

Schneider, G. (1896): Georgenthal-Tambacher Wegweiser. Gotha.

Was wird in 100 Jahren sein?

Wenn wir uns heute, im europäischen Gedenkjahr 2014, mit der Geschichte des 1. Weltkriegs beschäftigen, so stellen wir uns auch immer wieder die Frage, wie die Menschen damals, vor 100 Jahren, sich die Zukunft vorstellten; ob das eintraf, was sie sich ersehnten und erträumten oder ob ihre Visionen von den tatsächlichen Ereignissen zunichte gemacht wurden. Eines ist wohl sicher: niemand hat sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts derart rasante, grausame und grundlegende Veränderungen des Angesichts der Welt vorstellen können, wie sie tatsächlich eingetreten sind.

In seinem Vortrag „Der 1. Weltkrieg. Eine Bilanz nach 100 Jahren“ sagte der Historiker Gunter Mai sinngemäß: „Hätten die am Weltkrieg beteiligten Regierungen einen Blick vier Jahre in die Zukunft werfen können, sie wären nach einer halben Stunde leichenblass an den Verhandlungstisch zurückgekehrt und hätten den 1. Weltkrieg garnicht erst begonnen.“ Ein Satz, der tief bewegt angesichts der Grausamkeit und der vielen Opfer, die dieser und der folgende Krieg forderten.

Und heute? Könnten wir einen Blick in unsere Zukunft werfen, welche Maßnahmen würden wir ergreifen, um drohendes Unheil abzuwenden? Wie sähe dieses Unheil überhaupt aus und welche Mittel stehen uns heute zur Verfügung, um nicht blindlings hineinzulaufen? Drohen uns neue Kriege, die mit ungekannter Härte und Brutalität geführt werden würden, so wie der 1. Weltkrieg vor 100 Jahren? Wer sind die Gegner? Gibt es überhaupt welche, oder kämpfen wir letztlich nur…  gegen uns selbst?

Die neue Zeit wird uns zeigen, wie es um die Zukunft der Menschen steht. Wir sehen uns nicht mehr nur Konflikten gegenüber, die zwischen Staaten ausgetragen werden sondern zwischen den verschiedenen Weltanschauungen. Wir sehen uns zahllosen globalen Herausforderungen wie dem immer deutlicher werdenden Klimawandel gegenüber, dem Hunger der Welt nach Nahrung und Energie, dem Rückgang der Artenvielfalt, des sauberen Wassers, der Gletscher und der unberührten Natur. Wie werden wir auf die drängenden Probleme unserer Zeit antworten? Wie sieht die Erde in 100 Jahren, unsere und die Zukunft unserer Kinder aus?

Eines ist sicher: anders.

Wie, darüber entscheiden wir heute.

Großfahner Schieferschloss

Schieferschloss Großfahner

Die Schlossanlage mit dem Ziegel- und Schieferschloss der Familie von Seebach, die bis 1945 in Großfahner ansässig war, fiel dem Befehl Nr. 209 der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) vom 9. September 1947 zum Opfer und wurde im Winter 1947/48 vollständig abgetragen. Heute existieren von der ehemaligen Anlage nur noch einige wenige, zu Wohnhäusern umgenutzte Stallgebäude, ein rekonstruierter Brückenaufgang sowie ein Teil der Umfassungsmauer. Ein Gebäude des Gutshofes wurde in den 90er Jahren restauriert und ein weiteres neu errichtet. Sie prägen heute den Ortskern Großfahners in traditioneller Fachwerkbauweise.

Diese alte Ansicht kann in der Pension „Zum alten Hauptmann“ als Postkarte für 50 Cent erworben werden.

Schmiede_Buechner

Die Dorfschmiede auf der Dachwiger Chaussee

Nachdem wir die Vergangenheit der alten Dorfschmiede der Familie Schulz an der Hauptstraße bereits beleuchtet haben, soll nun die wechselvolle Geschichte der Schmiede von Familie Büchner erzählt werden.

Dazu müssen wir zurück in das Jahr 1848, denn da wurde Heinrich August Louis Lipprandt geboren, der nach seinem Vater Christian Lorenz Lipprandt als Schmiede­meister in eben jener Schmiede arbeitete und lebte. Ja richtig, lebte. Die Schmiede war Teil des Wohn­hauses und um in die Schlaf- und Wirtschaftsräume zu gelangen, musste man durch die Schmiedewerkstatt durch. Das ist insofern ungewöhnlich, da diese üblicherweise in einem anderen Gebäude untergebracht war, um Lärm- und Schmutzbelastungen zu vermeiden. Nicht so hier, wo der Rauch des Koksfeuers manchmal bis in die Schlafzimmer zog und alles mit einer feinen schwarzen Rußschicht bedeckte. Gestört hat das damals aber wenig. Wahr­scheinlich aber war es, verbunden mit der schweren Ar­beit, der Gesundheit abträglich denn Louis Lipprandt ist nur 47 Jahre alt geworden. Er starb 1896. Zusammen mit Friedericke Pauline Frank, die er 1876 heiratete, hatte er drei Kinder: Rosa, Arno und Karl. Als beide Eltern früh starben, waren Arno und Karl noch minderjährig und so war es an Rosa, das Elternhaus zu bewirtschaften. Arno lernte ebenfalls das Schmiedehandwerk und Karl wurde Stellmacher. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen verließen sie jedoch Großfahner um sich anderswo niederzulassen. Der Schmiede­betrieb ruhte nach dem Tod Louis’ Lipprandts für etwa vier Jahre bis um 1900 der Schmiedemeister Otto Graue aus Rockhausen bei Erfurt nach Großfahner kam und Rosa Lipprandt zur Frau nahm. Rosa schenkte Otto Graue wiederum drei Kinder: Ida, Ella und Johanna. Ella heiratete im August 1931 den 1904 in Mengersgereuth-Hämmern geborenen Schmied Bernhard Büchner, der im Jahr zuvor nach Großfahner kam. Die Schmiede musste schließlich weiterbetrieben werden um der Familie den Lebens­unterhalt zu sichern. Ella und Bernhard wurden fünf Kinder geboren: Eberhard, der noch heute von Zeit zu Zeit als Schmied im verdienten Ruhestand arbei­tet, Freya, Ingrid, Bernhard und Erhard. Nach Otto Graue, der 1936 ver­starb, übernahm Bern­hard Büch­ner die Schmiede, bis sein Sohn Eberhard sie 1953 wiederum als Meister über­nahm. Zwischen 1948 und 1953 war die Schmiede an Alfred Barth verpachtet, da Bernhard Büchner nach 1945 als ehemaliges Parteimitglied der NSDAP1 in einem Sonderlager des NKWD2 inhaftiert und 1947 nach Russland verbracht wurde, wo er im November verstarb. Eberhard Büchner erlernte das Schmiedehandwerk von 1947 bis Oktober 1950 bei Obermeister Rudolf Walter in Bad Langen­salza. Diese Firma hatte damals 13 Beschäftigte und vier Lehrlinge. Später arbeitete er dann bei Schmiedemeister Egon Röhn in Nägelstädt und von Juni bis Oktober 1953 besuchte er einen Hufbeschlaglehrgang in Jena, wo er sich das theoretische und praktische Wissen des Hufbeschlags aneignete. Dazu gehörte nicht nur die Herstellung und das Anpassen der Hufeisen sondern auch das Wissen um Krankheiten des Pferdehufes, mögliche Fehl­stellungen und deren Korrekturen damit die Arbeitskraft des Pferdes möglichst lange erhalten blieb. Die Prüfung zum Meister des Schmiedehandwerks legte er am 2. August 1953 in Vieselbach ab. Das Meisterstück: ein Sitzbockklappscharnier.

Soviel zur Familiengeschichte. Wie sah nun der Alltag eines Schmieds und seiner Familie aus? Zunächst einmal sei gesagt, dass die beiden Schmiedewerkstätten im Ort keine Kon­kurrenten waren. Selbstverständlich gab es Kunden, die ihre Arbeiten lieber zu einem bestimmten Schmied brachten, doch im Großen und Ganzen war es ein wohlwollendes Nehmen und Geben. Die Schmiede auf der Chaussee war zum Beispiel auf die Herstellung von Metallteilen für luftbereifte Gespannwagen spezialisiert und lieferte diese an den Stellmacher Paetow, der seine Werkstatt direkt gegenüber hatte. Als die ersten Autos aufkamen spezialisierte man sich auch auf deren Reparatur, beschaffte Ersatzteile und verbaute diese. Es verwundert daher kaum, dass Bernhard Büchner bereits 1937 eine stationäre Tankstelle errichtete um die Fahrzeuge mit Benzin versorgen zu können. Diese ging 1938 in Betrieb, wurde aber leider 1939 mit Ausbruch des 2. Weltkrieges wieder geschlossen. Die Rationierung hatte nicht nur bei den Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs sondern auch beim Benzin zugeschlagen. Der Verkauf von Benzin sollte, wie bei einigen anderen Hand­werkern im Ort auch, das zweite Standbein werden, doch es kam eben anders. Neben diesen Tätigkeiten wurden aber auch Landmaschinen aller Art repariert und im Winter, wenn die Landwirtschaft ruhte, fertigte der Schmied Spaltkeile und Äxte für den Holzeinschlag im Wald an. Aber auch die Herstellung von Beschlägen, Radreifen und der Hufbeschlag von Pferden wurden über­nommen. Dazu gab es am Haus eine kleine Durchfahrt, in der die Pferde beschlagen oder defekte Wagen repariert werden konnten. Die Aufträge kamen von den Bauern, der Gutsverwaltung oder von den Betrieben im Ort, z.B. der Saatguthandlung Siegfried. Es gab eigentlich immer etwas zu tun, manchmal so viel, dass die Arbeit kaum zu bewältigen war. Die Schmiede war aber nicht nur Arbeitsplatz sondern nach Feierabend auch ein gesell­schaftlicher Treffpunkt. Hier trafen sich die jungen Leute und tauschten Neuigkeiten aus, Geschäfte wurde beschlos­sen und auch so mancher Unfug angestellt.

Besonders interessant ist auch die Begebenheit, dass um das Jahr 1871 ein Reinhold Lipprandt, wahrscheinlich ein Bruder oder Cousin Louis Lipprandts, nach Amerika aus­wan­derte. Louis Lipprandt baute damals landwirtschaftliche Geräte und Pflüge die dann nach Amerika verschifft wurden. Die Lipprandts betrieben also ein kleines Exportgeschäft. Nach­weislich kamen noch bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahr­hunderts Briefe aus Amerika in Großfahner an. Leider ist darüber aber nicht mehr viel bekannt. Ab 1936 wurde auch die Installation von Hauswasserleitungen vom Schmied ausgeführt. Die nötigen Rohre und Anschlüsse lieferten damals die Firmen Ernst Schilling und Albin Linz in Erfurt. Gas und Sauerstoff zum Schweißen lieferte das Acethylenwerk Erfurt mit der Bahn bis zum Bahnhof Döllstedt. Von da aus wurden die Flaschen mit dem LKW von Arthur Rahardt nach Großfahner gebracht. Die Aufgaben des Schmieds wandelten sich mit der Zeit und der technischen Entwicklung. Im Jahr 1960 fand die Gründungs­versammlung der PGH3 Fahrzeugbau Großfahner statt. Die Schmiede wurde noch bis etwa 1963 von Eberhard Büchner betrieben. Ab dann wurden die Schmiedearbeiten von ihm in der PGH ausgeführt, die 1972 in den VEB4 Campinganhänger Großfahner umge­wandelt wurde. Hier wurde später der populäre und im ganzen Land bekannte Campinganhänger „Friedel“ hergestellt, neben Bau­stellen­anhängern, Zirkuswagen und verschiedensten Auf­bau­ten für Transportwagen.

Man kann sich nach dem kurzen Abriss dieser Familien- und Handwerksgeschichte nun fragen, ob der damals geläufige Spruch:  „Das Schmiedeblut, das edle Gut, dass viel versäuft und wenig tut.“ Gültigkeit besessen hat.

Wir danken Herrn Eberhard Büchner für das Gespräch und die zeitweise überlassenen Fotos und Zeichnungen.

1. NSDAP – Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.

2. NKWD (Narodnyj komissariat wnutrennych del) – sowjetisches Volkskommissariat für innere Angelegenheiten.

3. PGH – Produktionsgenossenschaft des Handwerks.

4. VEB – Volkseigener Betrieb.

Kirschernte

Kirschzeit ist

Heute wie vor hundert Jahren. Doch so wie auf dem Foto gibt es die gemeinsame Ernte mit der ganzen Familie nur noch in den seltensten Fällen. Heute verrichten Gastarbeiter die aufwendige und schwere Arbeit in den Obstplantagen.