P-51-Mustang-16

POW/MIA im Einsatz an den Fahnerschen Höhen

Wer im Juli und August des Jahres 2016 aufmerksam auf der Bundesstraße 4 zwischen Gräfentonna und Döllstädt fuhr, bemerkte zuweilen einen großen, weißen LKW und weitere Fahrzeuge auf einem abgeernteten Kornfeld etwas abseits der Straße. Brunnenbohrungen? Geothermie? Archäologische Ausgrabungen? Nah dran. Was sich hier über anderthalb Monate abspielte, war die Bergung eines im 2. Weltkrieg abgestürzten amerikanischen Jagdflugzeugs, einer P-51 Mustang und ihres toten Piloten. Die forensische Anthropologin Mary S. Megyesi grub mit einem 25-köpfigen Team aus US-Soldaten in mühevoller Kleinarbeit nach Teilen des Flugzeugs und barg die sterblichen Überreste des Piloten. „Wir versuchen, jeden einzelnen Knochen oder auch nur Knochensplitter zu finden, damit die Gebeine zurück in die USA überführt und dort ordentlich bestattet werden können. Zunächst aber kommen die Knochen in ein DNS-Labor, wo genetische Untersuchungen daran gemacht werden. Wenn wir den Namen des Piloten sicher bestätigen können und noch lebende Angehörige finden, werden ihnen die Knochen dann zur endgültigen Bestattung übergeben.“, so die Grabungsleiterin. „Die Verwandten können dann entscheiden, ob ihr Angehöriger zum Beispiel auf dem Militärfriedhof in Arlington mit allen militärischen Ehren bestattet wird oder er seine letzte Ruhe auf dem Friedhof der Heimatgemeinde findet. In diesem Fall wissen wir noch nicht mit Sicherheit, welcher Pilot hier gestorben ist. Das werden wir aber rausfinden und hoffen, dass wir einen weiteren Vermisstenfall lösen können.“

Until they’re home. / Bis sie wieder zuhause sind.“ – das ist das Moto der Organisation „Defense POW/MIA* Accounting Agency“, für die Mary S. Megyesi mit ihrem Team in die ganze Welt reist, um im Kampf getötete und vermisste US-Militärangehörige zu finden und in die USA zu überführen. Laos, Vietnam, Korea und einige andere Länder gehören zu ihrem Arbeitsgebiet. „Grundsätzlich verschieden sind sie: von den Bodenbedingungen, den Grabungs- und Bergungsbedingungen sowie der Erhaltung der Reste, die wir vorfinden.“ sagt die Anthropologin. Das Vorgehen ist dabei immer das gleiche. „Wir führen etwa zwei bis drei Grabungskampagnen pro Jahr durch. Es gibt mehrere Teams, die parallel arbeiten, aber alle Ergebnisse fließen im Central Identification Laboratory auf Hawaii zusammen und werden hier ausgewertet. Wir arbeiten solange, bis alle Vermissten wieder zuhause sind.“ Und das sind nach Angaben der Organisation sehr viele: 83.000 US-Soldaten werden seit dem 2. Weltkrieg in vielen Teilen der Welt vermisst, die Mehrzahl in Vietnam und Korea und auf dem europäischen Kontinent.

Dass im 2. Weltkrieg in der Nähe Gräfentonnas ein Jagdflieger abgestürzt ist, war lange bekannt und es gibt auch noch Augenzeugen, die von dem Absturz berichten können. Sie wurden nach ihren Beobachtungen befragt. Das Flugzeug soll nach der Bombardierung Merseburgs auf dem Rückflug beschossen worden sein und stürzte hier am 21. November 1944 ab (MACR 10301*). „Einheimische holten den Bordkompass und das Maschinengewehr aus dem Flugzeug.“, berichtet Andreas Fleischmann aus Großfahner, dessen Großvater Willibald Fleischmann zu den Augenzeugen gehört. Dieser fand damals auch einen ledernen Handschuh, in dem noch die abgetrennte Hand des Piloten steckte. Mitgenommen habe er den freilich nicht. Was mit dem Leichnam des Piloten passierte, ist nach mehr als siebzig Jahren nicht mehr zu ermitteln. „Genau orten konnte die Absturzstelle in dem weitläufigen Gebiet ein Hobbyforscher mit einem Metalldetektor bereits im Jahr 2008. Er meldete seinen Fund an die US-Behörden und wir planten dann unseren Einsatz für dieses Jahr.“, so Megyesi. Dass die Grabung und Aufklärungsarbeit erst jetzt, rund 72 Jahre nach dem Absturz stattfinden kann, ist den politischen Umständen nach dem 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg geschuldet. „Wir kamen bis 1989 an viele Stellen einfach nicht ran“, so die Grabungsleiterin.

Dass die Bergung arkribisch vorbereitet sein will, leuchtet ein, wenn man sieht, mit wie viel Equipment und Arbeitskräften die Amerikaner graben und jeden einzelnen Erdbrocken zerkleinern und durchsieben. „Mehrere Monate Vorbereitungszeit sind keine Seltenheit und wir sind immer auf die Hilfe unserer Kollegen vor Ort und der Landesbehörden sowie das Wohlwollen des Landbesitzers angewiesen.“ Das hatten sie diesmal, denn der zeigte sich der Bergung gegenüber sehr offen, ließ die Soldaten in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und lud sie zum vorläufigen Abschluss ihrer Arbeit in Gräfentonna zum Grillen ein. „Uns geht es bei der Bergung nicht vorrangig um die Trümmer des Flugzeugs, die wir natürlich auch restlos mitnehmen, sondern vielmehr um die sterblichen Überreste und die persönliche Habe des Piloten.“ Seine Armbanduhr wurde zum Beispiel bereits gefunden und auch Teile der Uniform. Indes ist Publikumsverkehr auf der Grabungsstelle nicht erwünscht. Zu groß ist die Sorge um die Überreste und die Angst vor Raubgräbern. Jeder, der sich nähert, wird auf Abstand gehalten. Defacto stellt die Absturzstelle ein Kriegsgrab dar, dass dauerhaften, gesetzlich geregelten Bestandsschutz genießt, solange sich noch menschliche Überreste hier befinden. Graben oder auch nur das Aufsammeln von Objekten sind daher streng verboten und die Stelle wird überwacht.


Dank geht an Mary S. Megyesi (PhD) für das gegebene Interview, Capt. Mike Ellis für zusätzliche Erläuertungen sowie an Staff Sgt. Erik Cardenas für die bereitgestellten Fotos der Grabungskampagne. Wir wünschen dem Team weiterhin viel Erfolg bei seiner Arbeit!


Fotogalerie: Alle Fotos Staff Sgt. Erik Cardenas, Defense POW/MIA Accounting Agency.

* Abkürzungen:

POW/MIA – Prisoner of War / Missing in Action. Kriegsgefangener / Im Kampf vermisster Soldat.

MACR – Missing Air Crew Report. Einsehbar auf www.archives.gov/research/military/ww2/missing-air-crew-reports.html.

Hier gibt es mehr Fotos: www.dvidshub.net/image/2791594/dpaa-conducts-search-and-recovery-efforts-germany

Literatur: Lämmerhirt, R. & Hälbig, E. (2012): Luftkrieg im Raum Eisenach – Gotha – Hainich – Werratal – Thüringer Wald 1943-1945. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza. ISBN: 9783867773485.

Quelle Beitragsbild P-51-Mustang-16: www.aviation.stackexchange.com