{"id":104,"date":"2014-06-30T12:59:56","date_gmt":"2014-06-30T10:59:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heimat-grossfahner.de\/wordpress\/?p=104"},"modified":"2014-07-01T01:21:28","modified_gmt":"2014-06-30T23:21:28","slug":"altes-handwerk-und-familientradition-die-dorfschmiede-in-grossfahner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.heimat-grossfahner.de\/wordpress\/altes-handwerk-und-familientradition-die-dorfschmiede-in-grossfahner\/","title":{"rendered":"Die Dorfschmiede in Gro\u00dffahner"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Nach einem Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Margot und Karl Heinz Schulz.<\/p>\n<p align=\"justify\">Vor etwa 50 Jahren noch war die Schmiede neben den Werkst\u00e4tten der Stellmacher, Wagner oder Tischler elementarer Bestandteil eines Dorfes. Hufbeschlag, das Herstellen und Aufziehen von Radreifen, das Schmieden von landwirtschaftlichen Ger\u00e4ten und Beschl\u00e4gen aller Art und noch viel mehr geh\u00f6rten zum K\u00f6nnen eines guten Schmieds.<br \/>\nHeute jedoch ist es still geworden um dieses altehrw\u00fcrdige Handwerk, dessen Geheimnisse und Traditionen schon vor Tausenden von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Durch die Technisierung in der Landwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg und dem damit verbundenen Wegfall der Arbeitskraft von Pferd und Rind er\u00fcbrigte sich der Hufbeschlag. Das melodische Kling-Klang des Hammers auf dem Amboss und das Zischen des gl\u00fchenden Eisens im Wasserbad verstummten zunehmend.<br \/>\nWerfen wir einen Blick in eine Zeit, in der das Schmiedehandwerk noch Lohn und Brot hatte und die Schmiede zum Dorf geh\u00f6rte wie die Kirche. Dabei m\u00fcssen wir gar nicht so weit zur\u00fcck gehen. Die Dorfschmiede an der Hauptstra\u00dfe in Gro\u00dffahner wurde vermutlich in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Sie geh\u00f6rte damals dem Schmiedemeister Jung. Aus dieser Zeit stammt eine &#8222;Zeichnung zum Umbau einer Schmiedewerkst\u00e4tte f\u00fcr den Schmiedemeister Jung&#8220;. Sie zeigt die Lage der Schmiede und die Baulichkeiten, die sich innerhalb von etwa 80 Jahren nicht wesentlich ver\u00e4nderten. Peter Schulz, ein Schmiedehandwerksgeselle aus der Rheinpfalz, kam auf der Walz nach Gro\u00dffahner. Er verliebte sich in die Tochter des Schmieds, Luise Jung, heiratete sie 1880 und \u00fcbernahm die Schmiedewerkst\u00e4tte sp\u00e4ter von deren Eltern. Sein Sohn Hermann Schulz (1881-1972) erlernte ebenfalls das Schmiedehandwerk von seinem Vater und \u00fcbernahm die Werkst\u00e4tte 1925 nach dessen Tod. Er wiederum gab sein Wissen an seinen Sohn Karl Schulz (1905-1967) weiter, welcher seinem Sohn Karl Heinz das Schmiedehandwerk beibrachte. Vielen Einwohnerinnen und Einwohnern wird Hermann Schulz noch bekannt sein. Auch den schwierigsten Pferden zwang dieser kr\u00e4ftige Mann m\u00fchelos das Eisen auf oder schmetterte soeben bereifte R\u00e4der zum Abk\u00fchlen in die Schwemme (Seebach, 1978). Wurde ein junges Pferd das erste Mal beschlagen, so hatte der Besitzer einen Kasten Bier auszugeben. Die Schmiede war mehr als ein Arbeitsplatz. Wenn die Landarbeit bei Regenwetter ruhte, trafen sich die M\u00e4nner des Dorfes h\u00e4ufig in der ru\u00dfgeschw\u00e4rzten Schmiede und handelten alle m\u00f6glichen Gesch\u00e4fte aus oder wetteten, w\u00e4hrend die Frauen sich im Backs zum Plausch zusammenfanden. Bei verlorenen Wetten kam es schon einmal vor, dass der Verlierer den schweren Amboss um die Schwemme tragen musste. Auch war es ein ungeschriebenes Gesetz, zum Anz\u00fcnden einer Zigarette nicht das Streichholz sondern ein St\u00fcck Schmiedekohle zu verwenden. Ein Umstand, welcher der Gesundheit nicht gerade zutr\u00e4glich war. Verst\u00f6\u00dfe wurden aber ebenfalls mit einer Runde Bier &#8222;geahndet&#8220;. Kam einmal der Schlotfeger nach Gro\u00dffahner, verschwanden dieser und der Meister oft im Hamster zum Kartenspiel. Die Lehrlinge und Gesellen hatten dann einen ruhigen Tag. Da die Arbeit in der Schmiede gelegentlich nur wenig einbrachte, betrieb die Familie au\u00dferdem noch eine kleine Landwirtschaft, um sich mit Lebens- und Futtermitteln versorgen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nIm Lauf eines Jahres fielen die verschiedensten Schmiedearbeiten an. Im Fr\u00fchjahr mussten landwirtschaftliche Ger\u00e4te repariert und ausgebessert werden und der Hufbeschlag f\u00fcr Pferde und Ochsen wurde ausgef\u00fchrt, der etwa alle drei Monate erneuert werden musste. An einem Tag konnten mit zwei Mann vier bis f\u00fcnf Pferde beschlagen werden, denn dieses war Knochenarbeit. Nahm der Schmied den Pferdehuf auf, so lehnte es mit seinem Gewicht auf ihm. Schwere Arbeitspferde wogen immerhin um die 20 Zentner. F\u00fcr ein Pferd brauchte der Schmied etwa anderthalb bis zwei Stunden. Im Herbst kam es vor, dass der gemeindeeigene Schneepflug \u00fcberholt werden musste, um ihn einsatzf\u00e4hig zu machen. Dieser wurde noch mit Pferden gezogen. Im Winter gab es etwas weniger zu tun und der Schmied besch\u00e4ftigte sich mit der Herstellung von Keilen, Beschl\u00e4gen oder \u00c4hnlichem. Das Material besorgte er sich vom Komturhof in Erfurt. Mit Pferdewagen und sp\u00e4ter mit dem Traktor wurde das Schmiedeeisen nach Gro\u00dffahner transportiert. Jedes noch so kleine St\u00fcck Eisen fand seine Verwendung. F\u00fcr den Hufbeschlag kaufte der Schmied fertige Rohlinge, an welche nur noch Griffe und Stollen angearbeitet werden mussten. Lediglich bei der Gesellenpr\u00fcfung musste ein Hufeisen aus einen St\u00fcck Roheisen hergestellt werden. Dies verlangte dann das ganze K\u00f6nnen des Pr\u00fcflings. Seine Auftr\u00e4ge bekam der Schmied von den Landwirten oder er holte sie sich von der Gutsverwaltung. Der Hufbeschlag f\u00fcr die Pferde und Ochsen des Gutes oblag nur ihm und wurde st\u00e4ndig vergeben (Seebach,1978). Die Rechnungen wurden vom Meister noch mit der Hand geschrieben und dann vom Lehrling oder Familienangeh\u00f6rigen zum Kunden gebracht. Nach dem Krieg gab es Regelpreise, die eingehalten werden mussten. Ein Pferd beschlagen kostete etwa 15 bis 20 Mark. Von diesem Geld mussten alle Unkosten beglichen werden.<br \/>\nMit der Mechanisierung begann der Niedergang des Schmiedehandwerks auch in Gro\u00dffahner. Pferde und Ochsen wurden erst durch Dampfmaschinen und sp\u00e4ter durch Traktoren ersetzt. Die LPG richtete eine eigene Werkst\u00e4tte f\u00fcr die Reparatur ihrer schweren Maschinen ein und das Aufkommen von transportablen und zudem erschwinglichen Elektroschwei\u00dfger\u00e4ten ersetzte die Autogenschwei\u00dfung mit Sauerstoff und Acetylen und machte viele Arbeiten, die fr\u00fcher in der Schmiede ausgef\u00fchrt wurden, zu Hause m\u00f6glich.<br \/>\nHermann Schulz, der Schmied mit Leib und Seele war, hat den Abriss seiner Schmiede und den Tod seines Sohnes Karl nur schwer verwunden. Alt und unmodern geworden, musste die Schmiedewerkstatt Ende der 60er Jahre auch dem Stra\u00dfenbau weichen. Mit ihr verschwand ein St\u00fcck Dorfgeschichte und eine lange Tradition fand ihr vorl\u00e4ufiges Ende. Ausgestorben ist das Schmiedehandwerk gl\u00fccklicherweise noch nicht. Wenn es auch nicht mehr in jedem Dorf eine Schmiede gibt, so kann man hier und da doch noch einem Schmied bei seiner Arbeit \u00fcber die Schulter schauen. W\u00e4hrend die Pferde fr\u00fcher zum Schmied gebracht wurden, kommt dieser heute mit seinem Feuer und den Werkzeugen zu den Pferden, um ihnen das Eisen aufzuzwingen.<br \/>\nDie Schmiede an der Hauptstra\u00dfe war nicht die einzige in Gro\u00dffahner. Familie B\u00fcchner betrieb eine weitere in der Dachwiger Stra\u00dfe. \u00dcber die Geschichte dieser Schmiedewerkstatt wird noch zu berichten sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Herzlicher Dank geb\u00fchrt Frau Margot Schulz (\u2020) und Herrn Karl Heinz Schulz f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und die zeitweise \u00dcberlassung alter Familiendokumente und Fotos.<\/p>\n<p>Literatur:<br \/>\nSeebach, A. Frhr. von (1978): Mit dem Jahrhundert leben\u00a0\u2013 Eine Familie im sozialen Wandel. Holzberg, Oldenburg.<\/p>\n<p>Seymour, J. (1998): Vergessene K\u00fcnste \u2013 Bilder vom alten Handwerk. Urania, Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Margot und Karl Heinz Schulz. 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